fairy_of_nostalgia

Briefe an Katrin
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2021-09-04 23:48:21 (UTC)

Ausblick

Liebe Katrin,

Eigentlich wollte ich dir heute schreiben, was ich alles für dich empfinde, was in mir geschieht, wenn ich dich sehe oder an dich denke, doch dann brach eine düstere Gewissheit wie ein plötzlicher Blitz auf mich herein: nie wieder. Nie wieder werde ich dich sehen, nie wieder werde ich von dir ein Lebenszeichen hören oder erfahren, was dich beschäftigt oder wie es dir geht. Solltest du krank werden oder sogar das Schlimmstmögliche passieren, werde ich es nicht wissen, ebenso wenig, wenn es dir gut geht und du heiratest oder Kinder bekommst. Dich verloren zu haben, ist die größte Katastrophe, die mich treffen konnte. Denn Ungewissheit ist eine unvorstellbare Folter, da schon jetzt meine Sorgen um dich in mir brodeln und drohen, überhand zu nehmen. Du könntest auch vor einigen Tagen einen Unfall erlitten haben und ich werde nichts erfahren wie auch für dich da sein können. Darüber hinaus ist mir klar, dass ich in keiner Zukunft wieder so viel Vertrauen werde spüren und fassen können.

Und so mischen sich in meine leere Gefühlswelt unermessliche Sorgen und Ängste, wie ich sie noch nie gespürt habe. Früher war es mir nicht bewusst, dass deine Ferne mir alle Energie raubt, nun ist es mir nicht mehr möglich, aufzustehen oder einen Schritt nach vorne zu wagen. Selbst das Schreiben fällt mir schwer, denn meine düstere Gewissheit drängt sich beständig nach vorne und setzt einen schweren Stein auf meine Brust. Schaue ich auf morgen, erscheint mir alles belanglos und wenig erstrebenswert. Auch in Situationen, in denen wir wenig Kontakt hatten, war die Sicherheit, dass du da bist, für mich die größte Kraftquelle im Sturm des Lebens und ein Lebenszeichen von dir stets ein Lichtblick in meiner Dunkelheit. Ohne dich gibt es nur noch den Abgrund, obwohl ich keine Möglichkeit sehe, noch tiefer zu sinken.

Vielleicht könnte ich einfach hoffen, dass du glücklich wirst, aber Hoffnung und Freude sind mir schon unsagbar lange Fremdwörter. Somit macht mich meine Erkenntnis wahnsinnig, sogar meine Verzweiflung nimmt ungeahnte Ausmaße an, klares Denken scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Und weißt du, wer all das zu verantworten hat? Ich. Denn ich bin nicht gut genug für dich. Die Gefühle von Ungewissheit habe ich dir bereits öfter zugefügt, Sensibilität zeigte ich in den vergangenen Jahren zu selten oder gar nicht. Ständig ging ich mit einem starren Tunnelblick in die Welt hinaus und rieb mich an Kleinigkeiten ab. Dabei vergaß ich, was das Wichtigste im Leben ist. Freundschaft. Gemeinsam den steinigen Weg zu gehen. Gemeinsam sich in allen Lebenslagen unterstützen. Gemeinsam lachen, gemeinsam weinen. All das nun passé.

Würde ich die Uhr zurückdrehen, wenn es diese Möglichkeit gäbe? Von tiefstem Herzen ertönt ein starkes Ja! Alle dir zugefügten Verletzungen rückgängig machen, dir in allen Gefahren beistehen und vor allem dir zeigen, dass du für mich der wichtigste Mensch auf Erden bist, welch rosige Aussichten! Leider ist das Leben nun einmal kein Wunschkonzert. Somit bleibt mir nur Bitterkeit wie turmhohe Selbstverachtung. Wie soll ich jemals wieder in den Spiegel blicken können? Dort sehe ich nur Schmerz und zugefügtes Leid, enttäuschte Erwartungen, erbärmlichsten Egoismus. Diese Kreatur hat es nicht verdient zu leben. Oder vielleicht muss dieses Scheusal leben, weil der Schmerz, das Leiden und die nicht enden wollende Pein die angemessene Strafe sind, während der Selbsthass mich zerfrisst.

Nur eine Hoffnung bleibt mir doch: dass du mich vergessen kannst, dass zugefügte Wunden ohne Narben verheilen und du das von mir verursachte Leid überwinden kannst. Die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden, daher hoffe ich, dass du eines Tages erleichtert auf diese Zeit zurückblicken und dir zu deiner Entscheidung gratulieren kannst. Wenn dir etwas wehtut, lass es los, ist schon ein kindlicher Reflex, der sicherlich in jeder Lebenslage zutrifft. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende, besagt ein gängiges Sprichwort. Und wenn du so bleibst, wie ich dich kennenlernen durfte, kann deine Zukunft nur eine goldene sein.

Meine Zukunft hingegen bleibt schwarz und dunkel. Schatten und Albträume, Sorgen und Ängste, überstrahlt von einer extremen Einsamkeit, wie ich sie noch nie gespürt habe. Denn ich bin eine Einsiedlerin, die fremd auf ihr eigenes Grab wartet, ohne Aussichten auf Licht oder Sonne. Nur die Dunkelheit wartet mit mir.

Ich vermisse dich.


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