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2014-07-13 20:22:16 (UTC)

want to do it

Bevor ich heute zur Arbeit ging, in dem Moment bevor ich die Jacke anzog, hielt ich das Feuerzeug an beide Schultern, ein wenig länger als gestern und es war.... *deep breath* wie früher.
Wenn man sehr erschöpft ist und endlich am Ziel ankommt. Doch ich bin nicht am Ziel, nur näher dran.

Wo ist eigentlich die gute alte Zeit geblieben, da man allein war, mit einer Flasche Rotwein und Musik und einer Rasierklinge? Ich erinnere mich genau an früher.

Weshalb verzichten wir heute auf den ersten Schnitt und das Herzklopfen davor? Und auch auf die kurze Pause, um zu sehen, wie das Blut aus dem schmalen Spalt in der Haut perlt? Und auf alle weiteren Schnitte?

Weshalb versagen wir uns die Aufregung, das Wegdriften, die Rückkehr? Die Angst und das Bedürfnis, zu weit zu gehen?
Die Enttäuschung, wenn der Verstand schließlich in den Körper zurückkehrte, die plötzliche Kälte, wenn diese leise Stimme "Genug. Es ist genug." sagte?

Wieso soll die Zeit der zornigen Schnitte vorüber sein? Wenn Pantera tobte oder Ministry oder Nefilims ZOON und das Erschrecken über die blutende Schlucht im Fleisch einem Scheissegal-Gefühl wich, als die Welt leiser wurde? Wir verzichten auf das Erschrecken, beinahe eine Sehne, eine Vene, eine Arterie erwischt zu haben. Wofür?
Ich sage nicht, daß zu Schneiden gut ist, aber das es geholfen hat und sich gut anfühlte. Gibt es etwas, daß sich genauso anfühlt, daß denselben Zweck genauso gut erfüllt, gibt es einen Ersatz?

Das Ende kam mit dieser lästigen Wundversorgung. Hättest du es nicht lieber die ganze Nacht über bluten lassen und dabei zugesehen? Oh doch, das hättest du. Die roten Lachen auf dem Boden. Ein schönes Rot, so satt und glänzend. Wir hätten uns die Freiheit damals nicht wegnehmen lassen sollen.

Die Wundversorgung war nur der ewigen Litanei von Selbsthilfeseiten und Ärzten geschuldet. Das war doch nichts, das *du* tun *wolltest*, sondern etwas, in das du dich fügtest weil *andere* sagten, daß du es tun sollst. Wäre es nach dir gegangen, wärest du deinem Gefühl, deinem Bedürfnis gefolgt, hättest du dem Fließen immer weiter zugesehen, du hättest Befriedigung darin gefunden, zu sehen, wie das Leben, das du nie haben wolltest, aus dir herauslief und du hättest es genossen. Es wäre nicht falsch gewesen, denn das wärest du gewesen. Du, dein selbst. Das wäre authentisch gewesen.

Dann würdest du jetzt nicht neidisch auf Bilder im Inet gucken müssen. Auf Bilder von Menschen, die es einfach getan haben, die ehrlich zu sich selbst waren.

Du hast dich in diesen Situationen verleugnet. Du verleugnest dich ja immer. Wenn du gefragt wirst, was das für Narben an deinem Arm sind, sagst du nicht, daß es schön war, das du es genossen hast und das alle die das Gegenteil behaupten sich mal gepflegt ins Knie ficken können. Du sagst stattdessen, daß das eine lange Geschichte ist, daß es Verganghenheit sei, jugendliche Dummheit war.

Dabei würdest du jetzt nichts lieber tun, als dich mit einem Skalpell und ein wenig Musik zurückzuziehen und immer weiter in deine Haut zu schneiden, immer tiefer, immer mehr, um endlich den Himmel zu sehen, den du dir immer verweigert hast, weil diese verfickte, leise Stimme "Genug. Es ist genug." flüsterte und du ihr nachgabst.

Aus Angst vor dem, was die anderen sagen könnten, wenn sie deine Wunden sähen, hast damit aufgehört. Du bist den Weg nicht zu Ende gegangen.
Die anderen waren dir damals, und sind dir heute noch, mehr wert als du.