/me

2010-10-29 14:06:43 (UTC)

physische Konfrontationen mit Bewohnern

[postecke]

In reply to: Bewohner sagt ich sei streng
Message:

ich finde, faulheit gibt es nicht. ich denke eher, es hat
was mit depressionen zu tun. oder einer ähnlichen krankheit.
mir hat man jahrelang vorgeworfen, cih wäre zu faul ... bei
dem wort krieg ich ausschlag. und jeder hat das recht, faul
sein zu wollen. ich finde, das wort streng ist falsch. eher
was bösartigeres. geradlinigkeit hat man, wenn man keinen
charakter hat. nicht auf das bauchgefühl hören kann oder
will ...
[/postecke]


Im Verlaufe dieser Woche bin ich zweimal angegriffen worden. Erst von
einem Bewohner mit dem ich eigentlich nichts zu tun habe und heute von
einem "meiner" Autisten. Und der hat mich mit am rechten Unterarm und
rechts am Bauch erwischt, als er nach mir trat, leider hatte er schon
Schuhe an, jedoch hat er nur Hautabschürfungen verusacht. Das ist der
"ich will nicht arbeiten"-Bewohner. Es ist mitnichten so, daß er zu
behindert wäre um arbeiten zu gehen. Er will schlichtweg nicht arbeiten.

Er hatte es aber auch nicht leicht. Von seiner unerfreulichen
Familiengeschichte abgesehen, bekam er diese Woche nur wenig Schlaf
weil ein anderer Autist, der das Zimmer neben seinem hat, so ab 2, 3 h
laut rufend durchs Wohnheim lief. Der Schlaflose ging vorgestern auf
einen Betreuer los, was ein anderer Autist sah, der darauf seinerseits
fremdaggressiv reagierte. Das heißt, in dieser Woche haben 3 von 4
Autisten fremdaggressiv reagiert. Autisten vertragen Unruhe meist
schlecht.

Der von heute erhält vor dem Aufstehen seine Medikation. Das ist der
erste kritische Punkt, denn er vergißt oder unterläßt es, sich am
Abend zuvor mit dem für das runterspülen der Pillen notwendigen
Getränk zu versorgen und sagt dann in einem Befehlston: "Bring's
mir!!!", was ich natürlich nicht mache. Nach ein paar Minuten rennt er
dann ins Bad um aus dem Wasserhahn zu trinken.

Das eigentliche Wecken, ca. 15 Minuten später, ist jeden Tag ein mehr
oder weniger starkes Drama mit Gebrüll und Geschrei. Danach geht er
ins Bad wo er weiterbrüllt und weiterschreit, zuweilen auf das
Waschbecken einschlägt, neuerdings in das Waschbecken kotzt (er steckt
sich die Finger in den Hals). Insgesamt unternimmt er was er kann, um
das Personal zu verängstigen, anzuwidern und ihn am Morgen im Bett
liegen zu lassen. Oft schneuzt er ins Bett, zuweilen sprenkelt er
seine Exkremente um die Kloschüssel herum.

Viele Mitarbeiter haben Angst vor dem jungen Mann, weil der sich eben
so gebärdet, sich aufplustert, aufpumpt, laut ist, gegen Wände und
Schränke schlägt und tritt etc. Vom Kraftaufwand her, den er betreibt
um den Gang zur Arbeit hinauszuzögern, könnte er in einer Schmiede
arbeiten. Sein aggressives Verhalten zeigt, daß er physisch gesund
ist. Sogar emotional ist sein Unwille nachvollziehbar. Was jedoch den
Rahmen sprengt, ist das Ausmaß seines Verhaltens. Morgenmuffelig und
etwaige andere Anwesende anzumotzen ist ok, sie zu schlagen geht über
den Rahmen des Vertretaren hinaus. Freitags und Montags ist es
besonders kritisch. Dienstags und Mittwochs ist ganz ok, ab Donnerstag
brodelt es. Ich frage ihn stets, wieso er liegenbleiben wolle und
seine Antwort lautet immer, daß er nicht zur Arbeit wolle bzw.
überhaupt nicht arbeiten wolle.Er will zwei miteinander unvereinbare
Dinge: Im Wohnheim wohnen und auf der faulen Haut liegen. Er kann
jedoch nur deshalb im Wohnheim leben, *weil* er arbeiten geht.

Vom physischen Alter her ist er erwachsen, emotional jedoch ist er ein
Kind und das führt zwangsläufig zur Eskalation. Ein Kind lernt, daß es
die Tüte Bonbons eben doch bekommt, wenn es nur genügend weint.
Bekommt es die Bonbons auch dann nicht, wird es sein Verhalten
steigern, vom Weinen vielleicht zum herumbrüllen. Geben die Eltern dem
Weinen nach, wird das kind lernen, wenn ich weine, bekomme ich die
Bonbons. Bekommt das Kind die Bonbons erst nachdem es herumtobte und
brüllte, lernt es entsprechend, daß herumtoben und brüllen den Weg zu
den Süßigkeiten ebnen. Genauso verhielt sich derjunge Mann heute, erst
maulte er herum und es nützte nichts, dann brüllte er und es nützte
nichts, dann schlug er auf Möbel ein und es nützte noch immer nichts,
dann schlug und trat er auf das Personal ein und... er kam seinem
Ziele nicht einen Millimeter näher. Hätte das Personal sich von seinem
fremdaggressiven Verhalten einschüchtern lassen, was hätte er gelernt?
Genau, ich muß mich gewalttätig gebärden, dann kann ich im Bett
bleiben. Deshalb gab das Personal nicht nach.

Hingegen ist das Personal jederzeit bereit, mit ihm zu reden, auf
seinen GESPRÄCHsbedarf einzugehen. Die Idee ist, sozial angemessenes
Verhalten zu belohnen und sozial inakzeptables Verhalten zu ignorieren
bzw. zu sanktionieren indem man sozial inakzeptable Verhaltensweisen
ins Leere laufen läßt. Und deswegen ist es unzulässig, ihn für den
Einsatz von Gewalt mit einem freien Tag zu belohnen.

Wir haben den rechtlichen Betreuuer soweit zermürbt, daß er für den
jungen Mann die Zustimmung zu einer Psychotherapie gab, was ein hartes
Stück Arbeit war.