/me

2008-06-03 16:10:49 (UTC)

deprimiert

Ich habe mich ein wenig in den Foren umgesehen, die das
Thema Leiharbeit behandeln. Die Branche scheint ihren Ruf
nicht von Ungefähr zu haben. Da ich demnächst sowieso
einen Termin mit meinem Bewerbungstrainer habe, werde ich
den mal fragen, wie ich am besten mit Zeitarbeitsfirmen
umgehe. Vielleicht lasse ich das besser, nicht das der
irgendein Formular aus der Schublade zieht, das mir
schlimmstenfalls eine Sperre der Gelder einbringt.

Ich bin deprimiert. Inzwischen bin ich in einem Alter, daß
auf dem Arbeitsmarkt als alt gilt. Gut, die
Zeitarbeitsfirma wollte mich dennoch und der Mann hat sich
wirklich Mühe gegeben, mich zur Unterschrift unter einen
Vertrag zu bewegen. Meiner Gefährtin habe ich die
Geschichte natürlich brühwarm erzählt und selbst sie, die
noch immer dem Glauben anhängt, man fände eine ordentlich
(bzw. normal) bezahlte Arbeit innerhalb zweier Wochen,
staunte über mein Erlebnis, insbesondere über die Frage
nach dem Autokennzeichen.

Ich sagte ihr, wir müßten allmählich den Arsch hochkriegen
mit unserer Unternehmung, und, um jeglichem Zaudern
ihrerseits den Wind aus den Segeln zu nehmen (seltsames
Bild. Eigentlich sollte man einem Zaudern doch die Flaute
aus den Segeln nehmen, denn sowas dynamisches wie Wind
paßt ja nicht ins Bild eines Zauderns, denn
Zaudern=Flaute. Egal.) sagte ich
„...weil Du Dich sonst in kurzer Zeit in derselben
Situation wiederfindest.“
Ha! Da herrschte Stille in der Leitung, ich roch die Angst
und spürte förmlich, wie dieser neue, beängstigende
Gedanke sich in ihr Hirn ätzte.

Ich habe mich in der Schule mit den Schriften von Marx,
Engels und Lenin befassen müssen und nahm an, daß das
Lügen seien, denn der Kapitalist ist der Feind und da kann
man ruhig lügen und übertreiben, ich glaubte, daß „der
Westen“ gar nicht so brutal und menschenverachtend sein
kann, wie die Kommunisten ihn beschrieben.

Und was sehe ich? Hungernde Menschen, medizinisch
unterversorgte Menschen, prekäre Arbeitsverhältnisse,
Hungerlöhne, Working Poor, Menschen, die aufgrund dieser
Verhältnisse sterben.
Marx, Engels, Lenin lagen nicht so falsch, wie ich es gern
gesehen hätte.

Nein, ich will die DDR nicht zurück, doch ich war damals
nicht auf der Straße, um Bundesdeutscher zu werden. Ich
wollte eine bessere DDR haben. Und jetzt will ich eine
bessere BRD haben. Ich glaube das, wenn diejenigen, die
arbeiten wollen, einen vernünftig bezahlten Job bekämen,
sie diejenigen, die nicht arbeiten wollen, problemlos
durchfüttern könnten. Ich will, daß diejenigen, die
arbeiten wollen, die Chance dazu bekommen. Ein Recht auf
Arbeit, das wäre mal was. Und die Pflicht zu angemessener
Entlohnung.

Und ich glaube, daß das Schlechte, das wir anderen
unterstellen, das Schlechte ist, das in uns selbst ruht.
Wenn wir also anderen unterstellen, sie würden, falls sie
die Chance bekämen, auf der faulen Haut liegen, sagt das
mehr über uns selbst, als über den anderen aus.

Ich habe hier eine Stellenanzeige eines anderen
Arbeitskraftverleihbetriebes liegen und eine Anzeige einer
anderen Firma. Die "mache" ich morgen. Für heute kann die
Welt mich kreuzweise (oder kariert, wie das Hemd, das ich
mir extra für Vorstellungsgespräche zugelegt habe, dessen
Preis übrigens 4 Lebensmitteltagessätzen entsprach).


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