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2008-05-28 05:29:53 (UTC)

Vorstellungsgespräch vergeigt

Gestern hatte ich ein Vorstellungsgespräch. Wir, meine
Gefährtin und ich, haben mir extra ein neues Hemd gekauft,
dafür suchten wir drei oder vier Läden auf. Im vorletzten
wandte ich mich verzweifelt an die Fachverkäuferin:
Guten Tag, ich brauche ein Hemd. Ohne seltsame
Schriftzüge, langärmelig, von dunkler Färbung und es soll
nicht nach Schlafanzug aussehen.

Da lachte die Fachverkäuferin kurz auf. Sie kannte das
Angebot des Kaufhauses. Es gab Hemden in rosa (!) und gelb
(!!) und braun (!!!). Wir kauften dann woanders. Der
Einkauf erinnerte mich an die DDR. Da kaufte man auch
nicht das, was man wollte, sondern das, was es gab.

Das Vorstellungsgespräch habe ich wahrscheinlich vergeigt.
Ich bin einfach zu wortkarg und das wenige das ich dann
sage, ist von diesem in Ratgebern dargestellten
Selbstvermarktungsdeutsch sehr weit entfernt. Ich bin
schlicht kein Typ, der sich gut verkauft. Auf
Ausstellungen ist das interessanterweise beinahe das
hundertprozentige Gegenteil. Dort parliere ich als hätte
ich es gelernt.In Vorstellungsgesprächen wird meine Stimme
leise, meine Zunge stolpert etc.

-Und dann haben Sie bei [name] gearbeitet?
Ja. War schön dort.
-*Dort* war es *schön*?
Ja.
-Und seitdem sind Sie arbeitssuchend?
Das ist richtig.
-Und Sie haben als [bezeichnung] gearbeitet. Das ist aber
auch ein schwerer Job.
Ja, aber das ist auch ein schöner Job. Allerdings haben
sich dann mit der Zeit die Rahmenbedingungen geändert, es
gab immer mehr Regeln und Vorschriften. Tätäsächlich gab
es dann soviele Regeln und soviel Bürokram, daß man kaum
noch zum Arbeiten kam.
-Regeln gibt es überall. Und regelmäßig Arbeiten, so,
sagen wir, jeden Tag von 8 bis etwa 12, das wäre in
Ordnung?
Ja, das ist kein Problem.
-Wäre es auch möglich, daß Sie, sagen wir, in einer Woche
40 Stunden arbeiten und in der folgenden Woche nur 20?
Ja. Wenn der Auftrag raus muß, dann muß er raus. Das ist
problemlos.
-Und der Stundenlohn, was hatten Sie sich da vorgestellt?
Das ist bestimmt vermessen, weil ich ja keine Ausbildung
in dem Bereich habe, aber 1000 Euro [ja, ich bin runter
gegangen] sollen es sein.
-Hm, wieviel ist da denn brutto?
Weiß ich nicht.
-Wie hoch sind denn Ihre Abzüge?
Weiß ich nicht. Ich habe HARTZ IV, da ist das recht
übersichtlich. Wenn ich vom Amt weg will, also nicht noch
zusätzlich zum Amt gehen will, muß es soviel sein, daß ich
die notwendigen Ausgaben davon bestreiten kann, daß ich
also ohne das Amt auskomme. Wenn ich trotzdem zum Amt
gehen mzuß, kürzen die mir alles weg.
-Ist es denn möglich, daß Sie ein, zwei Tage
probearbeiten?
Ja, das ist kein Problem..

In der Art lief das ab. Ungeschickte Formulierungen, zu
kurze Anworten, zu wenig Begeisterung. Vermutlich hätte
ich öfter Lächeln sollen.

Die Frage, ob es mir möglich sei, regelmäßig zu arbeiten,
fand ich im Nachhinein empörend. Was glauben die denn? Daß
HARTZ-IV-Empfänger den ganzen Tag RTL2 gucken, wenn sie
wieder nüchtern sind? Ich habe eine Tagesstruktur. Ich
stehe sogar *morgens* auf, bei mir läuft sehr oft ARTE,
ich lese Zeitungen, interessiere mich für Politik, ich
esse mit Messer und Gabel. Ich koche allerdings selten,
weil ich mir das Gas nicht leisten kann, ebenso verzichte
ich auf Kneipenbesuche und Kino; und Bücher kaufe ich mir
nur sehr selten. Aber ja, ich kann regelmäßig arbeiten.
Ich bin ein normaler Mensch. Ich bin gar nicht so scheiße.
Wenn man mich erstmal besser kennt.