/me

2005-03-22 15:57:21 (UTC)

vater, verzweifelt

heute hing ich nur herum weil ich ziemlich fertig war. habe,
weil ich mich nicht konzenzrieren konnte, einen raum für das
(den?) anstehende(n) "Osterbrunch" hergerichtet.

meine konzentration war gestört, weil mein vater gestern
gegen 22:00h anrief und mir erzählte, er könne so nicht
weitermachen. die arbeit ängstige ihn, er habe durchfälle
und *blahfasel* ("Davon kennst Du bestimmt was..."). er bot
ein bild der angst und der depression. er sagte, er sei ein
guter vater gewesen, denn er habe, als die familie noch bei
den eltern meiner mutter wohnte, in dem kleinen zimmer in
dem ich lag, auf`s rauchen verzichtet und er habe über den
bauch meiner mutter gestreichelt, als sie mit mir schwanger
war. er zitierte irgendwas aus der bibel, nach dem, wenn man
etwas schlechtes getan hat und man danach etwas gutes tut,
das schlechte vergeben werde (oder so ähnlich. ich konnte
nicht zuhören),
sodann erzählte er, er habe meiner mutter einen stern
geschenkt. in alten kirchen wurden die decken oftmals blau
angemalt und dann mit güldenen sternen verziert. so einen
hat er meine mutter geschenkt und dazu gabs irgendeinen
spruch aus der bibel, der wohl warmherzig und emotional
gemeint gewesen sein soll. für mich klang er eher wie eine
grabrede. irgendwas mit ~der körper soll ruhe finden und die
seele frieden~ oder sowas.

er schloß das telephonat damit, daß er sich ja gleich
erhängen könne oder sich vergiften, wenn er in der demnächst
anstehenden tauglichkeitsprüfung für seinen beruf versagen
sollte. er ist sicher, die prüfung zu verhauen.
zudem hat der mieter (meine eltern haben ein haus gekauft
und vermieten eine wohnung) den gedanken geäußert, ausziehen
zu müssen weil er die miete nicht mehr aufbringen könne.
insgesamt schätzt mein vater die zukunft als wenig angenehm
ein und spielt mit dem gedanken, sich zu erhängen oder zu
vergiften. mein einwand, daß ihm sein suizid keinen neuen
mieter herbeischaffen würde, ignorierte er. ich setzte also
nach und sagte ihm, das sei verantwortunglos, weil er dann
die sorge auf die schultern meiner mutter abwälzen würde.

sein suizidwunsch klang ernst. er hat noch nie so über seine
gefühle gesprochen. seine kirche scheint ihm auch keinen
halt mehr zu geben. wenn ich von mir rückschließen darf,
dann muß die lage äußerst ernst sein, wenn ich über
emotionskram rede.

das gespräch hat mich irgendwie aufgewühlt. wie kann er
sagen, daß er ein guter vater war? er sagte auch, "Ich habe
Euch Kinder nie gezwungen, in die Kirche zu gehen". wie blöd
kann man sein? zwang muß nicht expressis verbis erfolgen. da
reichte ein leichtes anheben der stimme, ein blick, eine
geste. wäre damals alles rosig gewesen, hätte ich keine
veranlassung für meine suizidversuche gesehen.
was glaubt er denn? das es eine spaßige angelegenheit ist,
jeden tag, jahrelang immer nur angst zu haben?

ich deute seinen anruf als bitte um verzeihung bzw. den
versuch, die vergangenheit in einem günstigeren licht
darzustellen.
zudem deute ich aus der art des anrufes, der stimmlage, der
wortwahl, daß er ziemlich verzweifelt ist. denn seine kinder
wandten sich von ihm ab, sein job ist in ernster gefahr,
sein glaube taugt nichts mehr (er hat natürlich wieder
versucht, mich zu missionieren und er unterstellte mir mit
väterlich-milden unterton, ich würde luzifer anbeten. dabei
bin ich doch atheist.),
seine kinder lehnen das von ihm vermittelte weltbild ab und
verspotten es, widerlegen seinen christus, widerlegen die
existenz gottes. seine kinder nehmen ihn weder in ihre arme,
noch wollen sie von ihm in die arme genommen werde. er hat
keine adresse für das, was er fühlt.
ich weiß, ich sollte das nicht fühlen, aber ich kann/will
nichts dagegen tun. ich empfinde (nachdem der tag fast
vorüber ist) genugtuung darüber. mal was anderes, mal keine
angst, kein ekel, keine schmerzen, keine scham, keine
erniedrigung, keine ohmacht.
fick dich!