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2004-10-11 13:10:32 (UTC)

entwürfe

2

Zementstaubgraue Stadt
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Gegen neun oder zehn Uhr werde von den heftigen
Kopfschmerzen eines exorbitanten Katers wach. Meine Lippen
fühlen sich verkrustet an, die Zunge liegt wie ein toter
Marder in meinem Mund und im Hals sitzt ein klebriger,
trockener Klumpen Teer oder sowas, jedenfalls habe ich
zuviel geraucht.
Ich spüre ein vages Durstgefühl und versuche aufzustehen,
der Schmerz in meinem Kopf pulsiert heftiger und ich warte
einen Moment bis ich mich ihm angepaßt habe und gehe dann
nackt zum Kühlschrank, der aber leer ist. Also wanke ich
durch das Treppenhaus ins Bad weil ich pinkeln muß und ich
richte den Strahl auf ein paar rot-orangefarbene Brocken
die in einem eingetrockneten, stumpfen Belag am Beckenrand
kleben und versuche, sie wegzuspülen. Dabei muß ich fast
kotzen, beherrsche mich aber, denn es ist mir aufgrund der
zunehmenden Stärke der Kopfschmerzen nicht möglich, mich
über das Becken zu beugen. Auf dem Rückweg grinst mein
Nachbar mich von der unteren Treppe aus an und ich hebe
eine Hand um ihn zu grüßen. Glücklicherweise spricht er
mich nicht an.
In einer Schublade suche ich nach ein paar Valium oder
Tavor oder Dormicum damit ich weiterschlafen kann, finde
aber nichts außer einem Blister mit Ibuprofen die schon
abgelaufen sind. Ich nehme vier Stück und setze mich
vorsichtig in einen Sessel, nachdem ich die Jalousien
heruntergelassen habe und bemerke ein paar Glasscherben in
einer Blutlache und nehme mir vor, meine Füße zu
untersuchen, sobald die Pillen wirken.
Im Bett liegt ein schwarzhaariges Mädchen (wieso habe ich
auf der Couch geschlafen?) und schläft.
Ich zünde mir eine Zigarette an und die Übelkeit wird für
einen Moment stärker, legt sich wieder, mich fröstelt und
ich drücke die Zigarette auf meinem Unterarm aus. Doch ich
spüre kaum etwas dabei, vermutlich weil die
Schmerzmitteldosis hoch genug war. Zufrieden lege ich den
angekokelten Filter in den Aschenbecher und hocke mich
neben das Mädchen, das noch immer schläft. Ich rieche an
meinen Fingern weil ich wissen will, ob wir am Abend Sex
hatten aber außer einem abstoßend intensiven Nikotingeruch
kann ich nichts feststellen.
Mir fällt das eingetrocknete Blut wieder ein und ich ziehe
dem Mädchen die Bettdecke von den Beinen damit ich ihre
Füße sehen kann, aber sie sind unverletzt. Als ich mich
neben dem Mädchen ausstrecke, spüre ich ein brennen an
meinem Rücken, richte mich auf und unter mir finde ich
weitere Scherben und frisches Blut und ich schließe, daß es
mein Blut ist und ich am Rücken verletzt sein muß. Da die
Blutung aber nicht allzu stark zu sein scheint, beschließe
ich, erst einmal auszuschlafen und mich später darum zu
kümmern, nachdem ich geduscht und die Wunde gesäubert haben
werde.
Als ich gegen vier Uhr erneut wach werde, liegt das Mädchen
noch immer in unveränderter Position neben mir, nur das
Gesicht ist von mir abgewandt. Ich stoße es an, schüttle es
und seine Haut ist kalt und die Lippen sind bläulich
verfärbt, aus ihrem Mund hängt ein zäher gelber Faden. Ich
drücke das Kinn herunter und sehe ähnliche Brocken wie am
Morgen in der Toilette, in ihrem Mundraum. Ich erbreche in
ihr Gesicht, über ihre halbgeöffneten, starren Augen ohne
das es reagierte.
Dann habe ich, glaube ich, einen Arzt gerufen. Genau
erinnern kann ich mich nicht. Aber ich glaube, daß ich
einen Arzt gerufen habe, denn das tut man doch, wenn jemand
kaum noch lebt, oder?
***
Trinken
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Lars oder Jan oder Christoph, mir fällt der Name nicht ein,
und ich haben uns zum Trinken verabredet und er holt mich
mit seinem rostigen, verdreckten Ford oder Opel ab. Ich
habe Autos die schmutzig sind lieber, als fabrikneue Wagen,
denn in solchen schrottreifen Müllhaufen macht es nichts,
wenn ich etwas beschädige oder meine Stiefel dunkle
Streifen auf den Innenseiten der Türverkleidung
hinterlassen. Irgendwie bin ich manchmal ungeschickt, wenn
ich ein- oder aussteige.
Lars oder Christoph und ich fahren eine kurze Strecke auf
der Autobahn zu einer Tankstelle und kaufen eine Flasche
Sierra Tequila Silver und ich weise ihn darauf hin, daß wir
zu zweit sind und eine Flasche nicht ausreichen wird. Er
sieht mich an und zuckt unsicher mit den Schultern und wir
gehen zur Kasse, stecken auf dem Weg dorthin noch ein paar
Schokoriegel ein und bezahlen den Tequila.
Wir fahren zu mir und als die Flasche leer ist, sind wir
beide noch nicht betrunken genug. Also fahren wir wieder
los und suchen uns einen 24-Stunden-Markt und kaufen einige
Flaschen Budweiser, zwei Tüten Knabberkram und eine Flasche
Jim Beam, obwohl ich den nicht sonderlich mag, denn er
brennt im Hals und verursacht mir Magenschmerzen.
Wieder bei mir schalte ich das Fernsehgerät ein und wir
sehen uns eine Sendung über Entwicklunghilfe in Äthiopien
an. Die Kamera verharrt einige Sekunden auf dem
ausgemergelten fast-nicht-mehr-Körper eines offenbar
sterbenden Kindes und zoomt sein Gesicht, dessen riesige
dunkle Augen auf beleidigend platte Weise Mitgefühl erregen
sollen, heran, während wir geröstete und gesalzene Erdnüsse
essen und ich schalte einen anderen Sender ein und wir
trinken weiter.
Christoph oder Jan und ich haben uns aus einem Krankenhaus
Stilnox und Planum besorgt. Er spült die Pillen mit Jim
Beam und ich sie mit Bier hinunter und so beginnt die
Realität sich aufzulösen, meine Arme hängen wie Baumstämme
an mir dran und ich verliere die Kontrolle über die
Motorik, so daß ich beim Versuch aufzustehen, über dem
Tisch zusammenbreche und der Aschenbecher zu Boden fällt
und zerbricht.
Da Jan oder Christoph keinen Versuch unternimmt, mir auf
die Beine zu halfen, krieche ich zu meiner
mitternachtsblauen Couch und ziehe mich an ihr nach oben,
drehe mich nach rechts und lasse mich fallen, als ich den
Rand der Sitzfläche an meinem Bein spüre. Dort schlafe ich
später auch ein, denn wenn man betrunken ist, ist es
besser, im Sitzen zu schlafen, weil das den Schwindel und
die Übelkeit mindert.
***
Sie
----
Vermutlich war es ein Donnerstag oder ein Freitag. Ich
trieb damals in der Zeit wie ein Schiffbrüchiger mitten im
Atlantik, alles sah gleich aus und fühlte sich weit an, ich
hatte keinen Bezugspunkt von dem ich ausgehen konnte um
meine Position zu bestimmen. Ich weiß allerdings genau, daß
ich sehr angespannt war und einige Flaschen trockenen
Rotweins gekauft hatte. Entgegen meiner Gewohnheit hatte
ich mich noch nicht betrunken und ging zitternd zum Bahnhof
um das sie abzuholen, unterwegs sah ich ihr Photo einige
male an um mir das Gesicht einzuprägen, was mir aber
mißlang. Und tatsächlich hat sie mich erkannt. Wir gingen
schweigend zu mir und tranken den Wein und sie hatte ein
paar Dosen Bier mitgebracht und sie sagte, unterwegs, im
Zug, sei jeder Reisende damit beschäftigt, betrunken zu
werden. Was ich bislang nicht feststellen konnte.
Wie der Abend im Einzelnen verlaufen ist, ob und worüber
wir sprachen, weiß ich nicht mehr, irgendwann lagen wir
neben- und auf- und unter- und aneinader im Bett und wir
waren uns nah, lösten uns im anderen auf und vögelten uns
drei Tage lang die Seele aus dem Leib und jedes mal war es,
als sei es das letzte mal, daß unsere Leben sich aufbäumten
und ineinanderkrallten.
Den Abschied verbrachte ich in einer anderen Realität. Die
Welt war leiser gestellt und alle Geräusche klangen dumpf
und ich hatte kein Körperempfinden und räumte in Trance
alles weg, was mich an ihren Besuch bei mir erinnerte, denn
ich wußte, daß die Betäubung irgendwann unter einem Strom
aus Realität zusammenbrechen mußte, der mich fortreißen
würde wenn er in einem von ihr benutzten Glas oder etwas
anderem, das als Beweis ihres Besuches gelten konnte,
Nahrung fand.
Das war bei jedem Abschied von ihr so. Ich wäre nicht
zurechtgekommen, wenn sie bei mir geblieben wäre und ich
komme heute noch nicht zurecht, wenn sie geht. Ich weiß
nicht, ob es eine Lösung für dieses Problem gibt und ob ich
sie finden wollen würde, wenn es sie gäbe. Denn einerseits
zerreißt es mich, wenn sie nicht bei mir ist, doch
andererseits ertrage ich ihre Nähe nur begrenzte Zeit.
Vielleicht ist es das, was man Leben nennt, den lebendigen
Wechsel aus Erfüllung und Verweigerung, aus Nähe und
Verlassenwerden.
Ich löse mich auf als ob ich ein Nebel wäre, wenn sie nicht
da ist; und wenn wir zusammen sind, habe ich Angst davor,
daß sie wieder gehen, die Beziehung beenden könnte,
entweder, weil sie mir so nahe kommen könnte, daß sie
sieht, was ich tatsächlich bin, oder aber, weil ich ihr den
Blick auf mein Inneres verweigere und sie deswegen mir
nicht nahekommen kann.
***



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