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2004-09-07 13:40:07 (UTC)

nicht alles nur schlecht

ich habe eine liste angelegt in der ich aufführe, was mir
so an gutem widerfährt. meine stimmung ist noch immer
überdreht. und ich habe bei diesem gothic-fetisch-magazin
angerufen. ich hatte auf deren antwort-e-mail gewartet, die
aber ausblieb. als grund dafür sah ich natürlich, daß die
mich ignorieren weil ich einfach ein schlechter mensch bin
und seltsam auf sie wirke. dabei haben sie meine letzte e-
mail aufgrund von DSL-problemen und redaktionsurlaubes noch
gar nicht erhalten. zur belohnung für meinen anruf gönnte
ich mir eine leckere DAVIDOFF CLASSIC. zuweilen ist es
sinnvoll, denkweisen, wertungen, schuldzuweisungen und
beurteilungen statt an der erfahrung, an der realität zu
orientieren und sie zu hinterfragen.
dann zeigt sich, daß meine befindlichkeit von so kleinen
dingen wie der fähigkeit eines anrufes abhängt. soooooo
winzig kleine dinge. läßt das rückschlüsse auf das ausmaß
der störungen zu?

meine gefährtin sagte gestern: „Wenn das mit dem sexuellen
Mißbrauch stimmt, ist jetzt ein schlechter Zeitpunkt, um
arbeiten zu gehen.“
der gestrige cocktail wurde ausgelöst durch ein gespräch
mit meiner gefährtin, die sich auf arbeit sehr engagiert.
sie wurde von zwei klientinnen angesprochen, durch deren
probleme sie sich an ihre eigene geschichte erinnert
fühlte, was sie als sehr belastend empfand. ich konnte ein
paar schlaue sätze äußern, ihr dadurch helfen und das trieb
meine gute stimmung in als ungesund empfundene höhen, die
noch nicht abgeklungen sind.
auch das, wenn es eine reaktion auf streß ist, ist
miniwinzigklein. wenn das als maßstab für die größe der
störung angesehen werden kann, ist es bedenklich.

die gute laune gestern wurde angestoßen durch den brief
meines rententrägers, der mir zum einen eine perspektive
eröffnet wodurch der druck der vergangenen monate
schlagartig von mir abfiel und zum anderen, weil ich ihn
als stillschweigendes schuldeingeständnis des rententrägers
empfand. eine perspektive und ein sieg, dazu das gespräch
mit meiner gefährtin, die schreibth. die meine texte lesen
_will_, die in aussicht stehende lesung und der damit
verbundene und ausbaufähige kontakt zu anderen und der
damit assoziierte mögliche ausbau meiner schreiberischen
fähigkeiten – und *schwupps* fliegt ikarus zur sonne.

seltsamerweise hatte ich gestern trotz des cocktails
probleme, einzuschlafen. ich konnte kaum geradeaus gehen
sondern schwankte als ob ich betrunken wäre, der körper war
also durchaus von der mischung getroffen worden, aber die
unruhe nicht. das aggregat tourte weiter in einem ungesund
drehzahlbereich.

ich erkenne das es mir schlechter geht (im sinne des
erstarkens der traurigkeit) unter anderem an der zunahme
meines tabak- und kaffeekonsums. andererseits verspüre ich
auch dann, wenn das aggregat zu hochtourig läuft, einen
starken drang, vornehmlich sehr spät abends, also
eigentlich nachts, kaffee zu trinken. bei manikern habe ich
ähnliches beobachtet, sie tranken kaffee ohne ende, redeten
ohne punkt und komma... wie maniker nunmal sind. ich fühle
mich gehetzt, was ich aus depressiven phasen kenne, nur
fehlt diesmal das depressive. ich denke, ich werde meine
clowns heute abend reduzieren.

dieses selbsthilfebuch „Schatten über der Kindheit“ zu
lesen, tut mir gut. es entspannt mich und ich habe das
gefühl, (vorsicht vor der nächsten formulierung!) an mir zu
arbeiten. oben genannte liste geht auf das buch zurück. ich
führe nicht alle in dem buch angebotenen und empfohlenen
übungen aus. meistens reicht es mir zu wissen, wie die
übung aussieht, was sie erreichen soll und in welcher weise
sie funktioniert. ich bin eben ein theoretiker. jedoch
denke ich das, selbst wenn mein ikarus sich nahe der sonne
bewegt, ich diesen antrieb auch zu meinem vorteil nutzen
kann. denn merke, die dinge an sich sind weder gut, noch
sind sie schlecht. diese qualität erhalten sie erst, indem
und in abhängigkeit von der art und weise in der, man mit
ihnen umgeht.

von dem gestrigen cocktail habe ich kopfschmerzen
zurückbehalten vermutlich weil ich mich weniger als sonst
herumwälzte, als ich dann endlich schlief.
mir tut es gut, spätestens gegen 8:00h morgens aufzustehen,
länger liegen zu bleiben führt zu verspannungen im nacken
die dann entsprechende kopfschmerzen hervorrufen. ich bin
eben nicht für’s liegen geboren und sollte mich daher
besser stehend begraben lassen. *gg* außerdem habe ich
schon wieder zwei kilogramm zugenommen und wiege jetzt etwa
83 kg. 80 kg sind ein gutes gewicht, nicht zu dünn, nicht
zu dick, einfach angenehm. ja ich weiß, das der optische
eindruck eines fetten menschen in seinen proportionen
begründet liegt. SCHWARZENEGGER zb. hat mit sicherheit
einen miserablen BMI. aber ich will nicht schwafeln.

ich erwarte nun, da ich der zeitschrift meine
telephonnummer hinterlassen habe, minütlich deren anruf.
das liegt an meinem aufgeblähten ego. ich habe quasi zwei
egos. ein miniwinzigquietschpiepskleines und eines von
ehrfurchtgebietender größe. zwischen diesen beiden pendele
ich hin und her. beide sind weit von der realität entfernt.
es gibt keines, an das ich mich wenden und von dem ich
sagen könnte „Ja, das bin ich.“
ich sehe in einen spiegel und empfinde mich als sowas von
widerlich oder als interessant und von melancholischer
schönheit, wie Johnny Depp oder Brad Pitt mit einsprengseln
eines Vin Diesel. beides ist weit weg von der realität. ich
nehme an, mein aussehen ist sowas von mittelmäßig,
unauffällig grau. mittelmaß aber ist mir verhaßt. so fehlt
mir auch hier die möglichkeit zu sagen „Ja, so bin ich und
so wie ich bin, kann ich mich akzeptieren.“ der dritte
fall ist, wenn ich in den spiegel sehe und mein vater mir
entgegenblickt. *uääähhh* *ekel* oder wenn mir gesten und
habitus an mir auffallen, die ich an ihm abscheulich finde.
wir werden zu dem, was den stärksten eindruck auf uns
macht, nicht wahr? wenn ich ihm so ähnlich bin, bleibt
wenig raum für mein Ich. es gibt nichts, das mein Ich sein
könnte. meine weltsicht, meine gesten, meine vorliebe für
kaffee, das rauchen, das fressen, der substanzmißbrauch,
mein aussehen, meine explosivität, dieses entweder ruhig
oder vernichtend laut – das bin nicht ich, das ist er. ich
will nicht er sein, ich kann nicht ich sein. etwas wie ein
Ich gibt es bei mir nicht. das ist nicht schön. wenn er in
so vielem ist und ich in so wenigem, ich ihn aber ablehne,
lehne ich dann nicht mich ab? sogar mein körpergeruch
erinnert mich oft an ihn. *läuft weg* , der kaputte rücken,
die schmerzenden gelenke, die sehschwäche – das ist er. die
versuche, die aufmerksamkeit anderer zu erringen – das ist
er. die vorliebe für bücher und für schnelle, harte musik –
das ist er. die depris, der selbstunwert –alles ist er. nur
die narben in den armen, das bin ich. ich bin verletztes
fleisch. und wenn das alles ist, was ich sein kann, dann
will ich wenigstens das sein.

natürlich gibt es auch andere, gute seiten. ich kümmere
mich um meine gefährtin, helfe ihr, höre ihr zu,
unterstütze sie. das hat er auch gemacht mit seiner
familie. es war nicht alles nur schlecht und schmerzhaft.
er hat mit mir ausflüge unternommen die mir recht
abenteuerlich vorkamen, mit lagerfeuer und dosenfleisch,
wir fuhren gemainsam rad. wenn er mir nicht geholfen hätte
indem er mich und mein moped, das meine eltern mir
schenkten, zum idiotenhügel mitnahm, hätte ich keine
fahrerlaubnis. er hat mir auch den ersten chemiebaukasten
besorgt. er hat mein erstes kuscheltier besorgt obwohl er
zu der zeit noch gesoffen hat. er nahm mich auf seiner lok
mit. andererseits wurden die wenigsten geschenke ohne
hintergedanken gemacht. er brauchte mich und mein moped um
mais klauen zu können. er nahm mich auf seiner lok mit,
weil er eine helfende hand brauchte um irgendwelche
geklauten sachen aufladen zu können. er zeigte mir seinen
arbeitsplatz. er zeigte mir seinen arbeitsplatz, damit wir
zu zweit kohlen klauen konnten, bzw. zwang er mich, kohlen
zu klauen.
er verfährt heute noch so. meine mutter hat die
fahrerlaubnis. jeder sagte ihr das, wenn sie die fleppen
erst hätte, wird sie ihn herumfahren müssen. und so kam es
auch. sie hat sich mittlerweile so sehr daran gewöhnt, das
ihr das nichts mehr aus macht.

es scheint normal zu sein, einem anderen die pralinen zu
schenken, die man selbst gern ißt. jedoch sollten die dem
beschenkten ebenfalls schmecken und der schenkende sollte
nicht erwarten, selbst die eine und die andere praline zu
bekommen. solche erwartungen werden nicht ausgesprochen,
solche dinge funktionieren ohne worte.

wieder komme ich zu ergebnis, das meines vaters verhalten
mir als erklärung für meine macken nicht ausreicht. es war
nicht böse genug.