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2004-03-01 16:44:00 (UTC)

entwurf

Kälte
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Ole liegt im Bett und lauscht in die Finsternis. Vor seinen
Augen tanzen rotglühende Fünkchen. Er hat sich ganz klein
gemacht, die Knie nach oben gezogen, die linke Hand hält
die Bettdecke fest, die rechte Hand krampft in den weichen
Corpus seines Plüschhundes. Ole zittert, denn es ist
Winter. Am Fenster funkeln Eisblumen. Alles ist still. Die
Schiebetür zu seinem Zimmer hat er zugezogen, damit er wach
würde, falls „er“ in sein Zimmer käme, aber noch ist „er“
nicht da, vermutlich betrinkt „er“ sich gerade und wird
erst heimkehren, wenn die Kneipen schließen. Ole kämpft
gegen die Müdigkeit an, streckt vorsichtig ein Bein aus, um
die nächsten Zentimeter des Bettes anzuwärmen. Mitten in
die tastende Bewegung seines Beines poltert das Geräusch
von ungeschickt am Türschloß kratzenden Schlüsseln. Die
Kälte beißt in seine Zehen doch er wagt nicht, sich zu
bewegen und er weiß, die Kälte wird weichen. Irgendwann.
Das Schloß der Haustür gibt nach, Ole hört schwere Tritte
auf die Steinstufen niederfallen, dann klirrt das Glas in
der Wohnungstür. Zwei Schlösser sind zu überwinden.
Ole kriecht im Bett ein Stückchen höher, versteckt sich
hinter seinem Plüschhund und visiert aus der Deckung heraus
die Schiebetür an. Jemand stolpert ungeschickt durch den
Flur, tritt auf die erste der beiden knarrenden Dielen, auf
die Zweite, öffnet die Küchentür und stößt sie hinter sich
ins Schloß. Ein Stuhl wird über den Boden geschleift. Ole
weiß, welches Geräusch als nächstes auf ihn eindringen
wird. Das metallische Klimpern der Gürtelschnalle. Ole
kennt dieses Geräusch sehr gut, er kennt die Gürtelschnalle
gut, sie ist aus Bronze und sie ist sehr hart.
Dann, nach einigen Sekunden atemloser Stille, ächzt die Tür
des Schlafzimmers, schlägt zu und von einem Teppich
gedämpfte Schritte irren betrunken zu seinem Zimmer hin.
Die Schiebetür wird kräftig zurückgestoßen, fliegt fast aus
der Führungsschiene und ein haushoher schwarzer Schatten
wankt auf ihn zu.
Ole stellt sich schlafend, stellt sich tot, ist eigentlich
gar nicht hier. Doch gegen so große Hände gibt es keinen
Schutz, keinen Ort zum verstecken, keinen Weg hinaus. Ole
wünscht sich, ohnmächtig zu werden, zu sterben, als der
schwere Körper ihn gegen die Matratze drückt, er kann kaum
atmen, die Hände sind überall, streicheln ihn unbeholfen
und ein gieriger Atem keucht in seinen Nacken.
Die Kälte wird weichen, irgendwann. Ist nicht alles
letztlich nur Kälte die vorübergehen wird wenn man nur
lange genug wartet?
Die Schiebetür bleibt halboffen stehen, nebenan knarrt ein
Bett, jemand schnarcht. Ansonsten ist es still. Und es ist
Winter, denn am Fenster sind Eisblumen gewachsen durch die
das Licht der Straßenlampe in buntes Funkeln zerlegt wird.
Ole kann jetzt schlafen, sein Bett ist warm und er hat kaum
Schmerzen und morgen ist ein neuer Wintertag der
vorübergehen wird.
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