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2004-01-19 13:10:26 (UTC)

entwurf

MY DYING BRIDE, The Light at the Ende of the World“

The thing that should not be
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Wieder wurde der Bauch des Himmels aufgerissen vom
Nordwind, den meine Sehnsucht antreibt. Durch meine Adern
rollen Rubinsplitter, meine Augen sind aus Lapislazuli und
Inannas Kupferdolch steckt zwischen meinen Elfenbeinrippen.
Aus meinem Mund tropft silbenweise träges Verderben. Talar
und Tiara bezeugen meine Macht.
Vermutlich bin ich älter, als ich je hätte werden dürfen.
Ich hätte damals sterben sollen aber durch eine
unglückselige Laune des Geschicks habe ich mich dem Griff
des Todes entwinden können und habe mich vor ihm versteckt,
bis ich selbst zu einem Grab geworden bin. Einsamkeit
scheints, ist das vorweggenommene Schweigen der Toten und
das eigene Fleisch ist der Sarg in dem ich wachen Sinnes
verrotte.
Durch die Flucht vor dem mich suchenden Sterben war es
notwendig, mich von den verräterischen Herzen der Menschen
zu isolieren, denn sie dulden nichts, das nicht sein darf
und wie Tiere ein Gespür für den sterbenden Artgenossen
haben, spüren auch Menschen, wenn einer der ihren länger
lebt als das Schicksal bestimmt hat.
Ich war nie ein mutiger oder tüchtiger Mensch gewesen. Eher
wurde mein Leben von Zufällen bestimmt, die von denen, die
dem Leben einen höheren Wert beimessen als ich, wohl als
glückliche Zufälle bezeichnet werden würden. Doch niemand,
ob unschuldig oder nicht, betrügt die Zeit und bleibt
ungestraft. Nun scheint mich der miasmatische Atem der
Vergangenheit aufgestöbert zu haben und er dringt durch die
Ritzen wie Zugluft und verursacht mir Schmerzen in meinem
überalten Fleisch.
Ich habe in der langen Zeit meines Existierens tiefe
Einsichten in das Wesen der Einsamkeit gewonnen, doch habe
ich niemanden gefunden, mit dem ich dieses Wissen hätte
teilen können. Die wenigen, die meine zu Sprachbildern
verfremdeten Erlebnisse gelesen haben, waren nicht in der
Lage, diese in der richtigen Weise zu deuten und zu ihrem
Kern durchzudringen. Und nun, vollends verlassen von jedem
zu Mitgefühl fähigem Wesen, bleibt mir nichts mehr zu tun,
als diese letzten Zeilen zu schreiben und zu versuchen
danach wenigstens den Tod in gnädiger Stimmung
vorzufinden.
Über die Ursache, den Ursprung der Finsternis in meinem
Herzen bin ich in dem Maße unsicher, wie ich Gewißheit über
mein Ende habe, denn wenigstens das Ende habe ich selbst in
der Hand. Man soll sich nicht täuschen lassen über das
eigene Leben, es ist nicht vorbestimmt, der Mensch ist frei
zu tun, was ihm beliebt, wenn es ihm gelingt, die Fesseln
der Konventionen und der Erziehung zu sprengen. Das weiß
ich jetzt, da mein Leben erlischt und ich meine geliebte
Nuit für immer verlassen muß. Aber der Schmerz ist zu groß,
ich will und kann ihn nicht länger tragen. Die Freude und
Lebenslust in den Augen der anderen zeigte mir beständig
meine Unfähigkeit, selbst glücklich zu sein, zeigte mir
einen tiefsitzenden Mangel den auszugleichen oder gar zu
überwinden ich niemals in der Lage sein werde. Lieber will
ich sterben.
Mein Leben wurde in jedem Bereich von diesem Mangel
bestimmt, entweder weil ich versuchte, vor ihm zu fliehen
oder weil ich mich bemühte, ihn zu beseitigen. Doch man
kann nicht vor etwas weglaufen, daß so tief in einem selbst
verankert ist. Die freudlose Krypta, genannt Herz, verhöhnt
und quält mich mit jedem Schlag.
Ich trage das bleierne Siegel des Ninib, der Adar genannt
wird, an einem Band um meinen Hals und es hat mir nicht
genützt, denn seine Ohren sind taub für mein Rufen.
Mit dem Stigma der Trauer in der Haut meiner Arme bin ich
dem Untergang geweiht. Lebe wohl mein Leser, und meide den
Weg, den ich gegangen bin denn er ist er ist vom Glück
verlassen und freudlos. Meine Macht gebiert kein Leben.
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