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2003-12-22 12:03:27 (UTC)

selbstreflexion

DANZIG, „(777) I Luciferi“

gestern habe ich neujahrskarten geschrieben, die ich heute
einwerfen will. sogar meine eltern bekommen eine. ich hielt
es für eine gute idee, die (noch immer unglaubliche)
wandlung meines vaters mit einer solchen karte zu
beantworten und ihm auf diese weise mitzuteilen, daß ich
die verändrung bemerkt habe und sie als positiv ansehe.
natürlich hätte ich ihn anrufen und unsere beziehung
diskutieren sollen, der klarheit wegen. allerdings ist
weder er, noch bin ich so gepolt. und das leben ist keine
klinik in der man sich in einen kreis setzt, eine
gruppensituation schafft und „es dann mal voll zuläßt“.
*würg* gruppensitzungen. da krieg ich pickel von. eben habe
ich mir nochmal die klinikbriefe und gutachten
durchgelesen, was nach § 203 StGB verboten ist und wofür
psydoc mit geldstrafe bzw einem jahr gefängnisaufenthalt
bestraft werden kann. darin wird vorgeschlagen, mich nach
ablauf eines jahres wieder in stationär aufzunehmen. das
jahr wäre im januar/februar 2004 abgelaufen. ich habe keine
lust auf einen erneuten aufenthalt und ich sehe seinen sinn
auch nicht. derzeit geht es mir ziemlich gut. von kleineren
malaisen abgesehen, aber irgendwas ist ja immer.
wenn ich die tage in der cafeteria denke, rollen sich mir
die zehennägel auf. stationär ist nicht gut für mich, denn
stationäre aufenthalte entfrenen mich zu weit vom realen
leben. tägliche ambulante therapie wäre besser, oder
teilstationär, wenn überhaupt. es besteht keine
notwendigkeit für eine neue stationäre aufnahme. und ich
hoffe, die „gutachterin“ kommt zu demselben ergebnis.
keinesfalls werde ich mich in die klinik zwingen lassen.
gut, wenn die die gelder sperren, dann schon.
vermutlich ist keine therapeutische fachkraft mir so nahe
gekommen wie th. und selbst sie ist meilenweit von mir
entfernt. was an mir liegt, nicht an ihr. ich bewundere
ihre geduld. wäre ich therapeut hätte ich einen klienten
wie mich längst rausgeschmissen.
mir geht es deshalb gut, weil ich die irl-kontakte auf ein
minimum beschränkt habe. sogar die vl-kontakte sind weniger
geworden, was ich in drei, vier fällen sehr bedauere. ein
kontakt ist im süden und läßt sich die sonne auf den bauch
scheinen, ein anderer ist vermutlich tot und der nächste
meldet sich nur sporadisch, wie eine blume zur zeit und für
die dauer ihrer blüte. dabei verliere ich nur selten einen
kontakt gänzlich aus den augen. der vierte ist irgendwie in
der versenkung verschwunden. ich nehme an, es geht ihm
jetzt besser oder ist von mir bzw. dem forum angeödet.
ich habe beschlossen, die familie meiner gefährtin am
24.12. heimzusuchen. ich will sehen, wie der freund der
schwester meiner gefährtin sich verhält, ich will sehen,
wie die anwesenden sich verhalten wenn sie beschenkt werden
und ich will wissen, weit ich sowas auszuhalten im stande
bin. ich werde mich einfach in die rolle eines
beobachtenden flüchten und durch eine glasscheibe dem
treiben zusehen. das essen ist zwar am 25.12. leckerer (es
soll hirsch- und wildschweinbraten geben) aber da Linda
Hammilton dem TERMINATOR im tv zur seite stehen wird und
die ereignisse am 25.12. weniger interessant sein werden,
werde ich zu hause bleiben und zusammen mit dem dicken
stinker einen testosteronabend abhalten. gut, mit den
geschlchtshormonen ist es bei meiner katze nicht mehr so
weit her weil er keine genitalien mehr besitzt, aber man
kann ja so tun als ob. ;-)
ich werde die mohnrolle einer angemessenen würdigung
unterziehen. meine großmutter mütterlicherseits schickt mir
jedes jahr zwei mohnrollen und das ist der höhepunkt der
jahresendzeit und ich freue mich schon ab dem frühjahr
darauf. *leckerstens* diese großmutter ist die einzige
person in der familie, zu der ich kontakt gehalten habe und
zu der ich kontakt halten kann, ohne mich schlehct zu
fühlen.
wenn ich mich an meine kindheit erinnere, ist ihre wohnung
immer ein von warmem sonnenlicht durchfluteter ort. im
gegensatz zur wohnung meiner eltern, der eigentlich nur von
angst gefüllt war. die wohnung der großeltzern
väterlicherseits war schon immer ein dunkles loch. zum
einen, weil bäume vor dem fenster standen, zum anderen,
weil diese großeltern sich permanent gestritten haben, was
sie heute noch tun und zwar 24/7.
meine großmutter mütterlicherseits hatte eine speisekammer
in der immer viele gläser mit eingewecktem kürbis standen
und sie konnte den besten pflaumenkuchen von der
gaaaaaaaaaaaaanzen welt backen. mit dicken butterstreuseln
oben drauf. ich kann mich nicht erinnern, sie je weinen
gesehen oder streiten gehört zu haben.
es kommt mir in der tat vor, als seien in mir zwei
gegensätze zwangsvereinigt worden. ein mörderisch
aggressiver teil von der väterlichen seite und ein liebend
(ja, ich kann das wort schreiben ohne kotzen zu müssen)
warmer teil von der mütterlichen seite her.
in der schule fiel es mir schwer, das schreibe der zahl 8
zu lernen, ich bekam das einfach nicht hin. wer hat mir das
dann beigebracht, mit viel geduld und mit hilfe einer
geschichte, in der ein auto (oben an der 8) losfuhr, eine
kurve nahm und dann zurück fuhr( so das am ende eine 8 auf
dem papier stand)? meine tante war’s. mütterlicherseits.
sie hat nicht geschrieen, nicht gedroht. meine eltern waren
aufs äußerste verzweifelt weil mir diese zahl nicht
gelingen wollte.
später habe ich dann viel geschlafen oder mich schlafend
gestellt, um für meine eltern unerreichbar zu sein.
tatsächlich glaube ich, mich niemals in der wohnung meiner
eltern wohlgefühlt zu haben. immer war da angst und, wie
soll ich das sagen, irgendwie war ich immer auf dem sprung,
es gab niemals ruhe oder einen grund für mich, mich zu
hause zu fühlen.
meine güte, das klingt wie „Niemand hat mich lieb gehabt“
*igitt* andererseits muß es einen grund dafür gegeben
haben, daß ich die erste sich bietende gelegenheit nutzte,
aus von dort wegzukommen. die arztbriefe lesen sich wie die
beschreibung der ursprungs von heimkindern. „Mutter, grauer
Star, psychische Probleme. Vater, Alkoholabusus,
Adipositas, Rückenprobleme, Kettenraucher, Kaffeeabusus.
Bruder leide unter atshmatischen Beschwerden bei Streß,
Alkoholabusus, Verfolgungsängste.“ tatsächlich mßte man
meinen vater, wollte man ihn durch ein piktogramm
darstellen, als einen riesigen mund malen. alles
verschluckend, alles vereinnahmend, hinunterschlingend,
verschlingend. und als geräusch wäre ein schmatzen,
schlürfen, verdauen, eine blähung. als geruch wäre er etwas
brechreizverursachendes süßliches, brennendes
menschenfleisch soll ja süßlich riechen, modrig-fauliges.
als gefühl wäre ein verängstigtes, tödlich-gefährliches,
unberechenbares tier.

(erster klinikaufenthalt) „Psychodynamik: Der Patient wuchs
in einer familiären Atmosphäre auf, die geprägt war von
einer alkoholkranken, gewalttätig erlebten,
grenzverletzenden und unberechenbaren Vaterfigur und einer
in der Inferiorposition stehenden, abhängigen und hilflosen
Mutterfigur. Zu beiden Elternteilen konnte kein Vertrauen
aufgebaut werden, so dass sich keine stabilen Selbst- und
Objektrepräsentanzen ausbilden konnten.
Insbesondere aggressive Triebimpulse sind hochgradig
angstbesetzt und werden in Form von Selbstverletzungen und
Suizidversuchen gegen das eigene Selbst gerichtet. Es
besteht eine ausgeprägte Selbstwertproblematik bei
abhängiger-narzisstischer Persönlichkeitstruktur.
Die sehr gut ausgeprägten kognitiven Fähigkeiten des
Patienten erlauben eine Kompensation durch Rationalisierung
und Intellektualisierung [...]“

(zweiter klinikaufenthalt) „Tiefenpsychologisch erweiterte
Anamnese:
Herr [name] sei in einer Kleinstadt der ehemaligen DDR
geboren worden. Er habe einen fünf Jahre jüngeren Bruder.
Die Familie habe zunächste bei der Großmutter ms. und
später bei den Großeltern vs. gelebt. Im Anschluß daran
habe die Familie im Obergeschoß der Firma gelebt, in der
die Mutter in der Produktion beschäftigt gewesen sei.
Die Mutter beschreibt der Patient als beschützende,
zuweilen anstrengende Frau, die in Abhängigkeit zum Vater
gestanden habe, der sie geschlagen habe. Sie sei eine
ruhige Frau, die sich viel geduckt habe, nie aggressiv
erschien und phasenweise Valium genommen habe. [...] Er
[der vater] sei alkoholkrank und unberechenbar gewesen bis
er sich in der Kirche engagiert habe. Er habe sowohl die
Mutter wie auch die Kinder geschlagen, wobei sich Herr
[name] nur an wenige konkrete Situationen erinnere.
Die Mutter habe versucht die Kinder zu schützen, was ihr
nur bedingt gelungen sei. Die Geburt des Bruders in seinem
5. Lebensjahr kam für den Patienten überraschend, er habe
nicht viel mit dem jüngeren Bruder anfangen können. [...]
Herr [name] gibt an, ca. 5 Suizidversuche unternommen zu
haben, wobei er zunächst die Valiumtabletten der Mutter
eingenommen habe. Dies habe aber in der Familie keine
Reaktion hervorgerufen. Später habe er versucht, sich mit
Digitalis das Leben zu nehmen. Als Chemikant habe er
versucht, Zynakali herzustellen. Vor fünf Jahren habe er
zuletzt versucht sich mit einem Plastikbeutel das Leben zu
nehmen. Er gibt an, dass er sich allein gefühlt habe
und ‚vielleicht traurig‘ war.
Während der Jugend habe er sich mehrfach den Unterarm
geritzt, teilweise auch suizidaler Absicht. Während der
Internatszeit habe er verschiedene Medikamente als
Drogenersatz ausprobiert.“

wenn ich das alles so geballt vor mir liegen habe, weiß ich
nicht, ob mir der typ auf dem papier leid tun soll, oder ob
ich ihm zurufen möchte, das weichei solle sich nicht so
aufspielen. völlig überzogene reaktionen, die er da gezeigt
hat. krieg endlich den arsch hoch und tu was, schließ mit
der vergangenheit ab.