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2003-12-18 22:06:46 (UTC)

suzidversuchsschilderung

Mein Selbstmordversuch
hinzugefügt am: 13.03.2003
von: Prospero


Vorwort:
Seit ich hier beim Schnipselchen meine Gedichte
veröffentliche und auch gerne die anderer Autoren lese,
sind mir sehr viele romantisierte Selbstmordgedichte ins
Auge gefallen. Vor ein paar Jahren habe ich solche Gedichte
auch mit Vorliebe geschrieben und bringe auch manchmal noch
selbst eins zu Papier, weil ich denke, daß es helfen kann
solche Gedichte zu verfassen, wenn man eine schwere Zeit
durchmacht. Ich würde aber heute gerne einen Text
einstellen, der das Ereignis an sich, wie ich es erlebt
habe schildert, ganz ohne Reim oder Romantik, ich schreibe
es einfach aus meiner Erinnerung herunter, wie es
abgelaufen ist, als ich mich mit 19 vergiftete und mir die
Unterarme aufgeschnitten habe.
Ich schreibe diesen Text nicht in der Absicht jemanden
abzuschrecken, wobei mich das doch sehr freuen würde, und
schon gar nicht, um jemanden zu ermutigen, ich möchte nur
sagen, wie es war.

Ich fasste den Plan, mich am Ende der Osterferien, also
damals am 11. April 1999, umzubringen. Ich war 19 und hatte
schon seit 3 Jahre immer wieder vorgehabt meinem Leben,
oder wie es zu der Zeit gerne genannt habe „meiner
Existenz“, ein Ende zu setzen.
Auf die Gründe möchte ich nicht eingehen, sie sind für den
Text auch nicht weiter wichtig.

Aber kommen wir jetzt mal zu dem besagten Sonntag:
Ich habe so gegen 22 Uhr begonnen einen Abschiedsbrief zu
schreiben, weil ich wollte, daß die Leute verstehen, warum
das alles passieren musste, ein völlig dramatisches und
jämmerliches Dokument, wie ich im Nachhinein zugestehen
muß, meine Großmutter hatte ihn verständlicherweise am Tag
danach sofort weggeschmissen.
So gegen 0 Uhr habe ich angefangen mich zu vergiften, es
waren ca. 70 Kapseln *** ( ich bitte um Verständnis, das
ich den Namen des Medikamentes nicht bekannt geben
möchte ), zwei ordentliche Hände voll.
Anfangs habe ich versucht eine ganze Handvoll
hinunterzuschlucken, aber die Kapseln würgte ich eigentlich
gleich darauf wieder raus, ich konnte noch nie gut
Medikamente schlucken, davon bekam ich schon seit meiner
Kindheit einen ordentlichen Würgereiz. Jedenfalls habe ich
dann immer zwei oder drei auf einmal in den Mund genommen
und mit Apfelsaft geschluckt, als dieser aufgebraucht war
habe ich Traubensaft genommen, den ich mit etwas Alkohol
gemischt hatte, damit die Medikamente schneller wirkten,
obwohl ich eigentlich keinen Alkohol trinke. Beides,
Apfelsaft sowie Traubensaft, kann ich seit dem nicht mehr
riechen oder gar trinken, mir wird allein bei dem Gedanken
daran schon übel.

Als ich die Kapseln im Bauch hatte, wurde mir klar, daß ich
nun nicht mehr zurück konnte, ich hatte in diesem Moment
eine wahnsinnige Angst und mir war ganz flau, aber kurz
darauf wurde ich sehr ruhig und gelassen, weil ja in kürze
alles vorbei sein würde, das dachte ich zumindest.
Ich konnte es kaum fassen, daß ich die Medikamente wirklich
alle genommen und mich somit praktisch schon umgebracht
hatte, obwohl ich mir doch genau das seit langer Zeit schon
vorgenommen hatte.
Ich ging dann zum Bett, habe mich hingesetzt, mir mit einem
Stück Stoff den Arm am Ellenbogen abgebunden und gewartet,
bis die Adern hervortraten. Ich wollte sicher gehen, daß
ich auch wirklich sterbe, die Vergiftung war nur eine Art
Versicherung.
Ich habe die Rasierklinge angesetzt und sie ein paar Mal
über das linke Handgelenkt gezogen, ich bin übrigens
Rechtshänder.
Der Unterarm ist an den Stellen sofort förmlich aufgerissen
und die Wunden waren am Wundrand, am Fleisch, ganz weiß, es
vergingen ein paar Augenblicke, bis das Blut austrat. Die
Schnitte, ich glaube es waren fünf oder sechs, haben
furchtbar weh getan, ich kann den Schmerz gar nicht richtig
beschreiben, aber ich habe ihn im ganzen Körper gespürt.
Mein Herz schlug so schnell, daß es sich bald überschlagen
hätte und ich hatte eine sehr beklemmende Kälte im Magen,
die bis zum Hals hoch kroch und mir den Atem abschnürte.

Als das Blut in kleinen Strömen aus dem Handgelenk und dem
Unteram lief habe ich mich auf mein Bett gelegt, das Kissen
war schon voller Blut, ich habe das Licht ausgemacht, den
Arm über die Bettkante gehalten und darauf gewartet, daß
ich sterbe.
Ich dachte das würde ganz schnell passieren, ein paar
Minuten oder so, aber das schnelle tröpfelnde Geräusch des
Blutes wurde immer langsamer, bis es mich an einen
tropfenden Wasserhahn erinnerte, der ganz mühsam und
gemächlich ins Waschbecken spuckt.
Ich habe daraufhin das Licht angemacht, meine
Blutverschmierten Wunden angesehen und hinab zum Boden, wo
sich bereits eine kleine klumpige Blutlache gebildet hatte.
Ich musste also noch mal schneiden.
Als ich die Rasierklinge nahm fiel mir auf, daß ich, wenn
ich in die lange und sehr tief gehende Wunde sah, ich
glaube, daß war mein erster Schnitt, sehen konnte, wenn
meine Hand sich bewegte. Ich spreizte abwechselnd die
Finger und machte eine Faust. Ich konnte in der Wunde
sehen, wie sich etwas dehnte und zusammenzog und wie die
Knochen sich unter dem Gewebe absetzten, wenn ich eine
Faust ballte. Schon komisch, wenn ich daran zurückdenke,
das hatte mich auf eine erschreckende Art gefesselt, obwohl
es ganz schön ekelhaft war. Ich wollte es nicht sehen, aber
ich konnte trotzdem meine Augen nicht davon abwenden.

Die nächsten Schnitte machte ich näher an der Hand und eher
horizontal, die vom ersten Mal waren mehr diagonal. Es tat
gar nicht mehr so weh, irgendwie war der Schmerz viel
dumpfer, weiter entfernt, als würde jemand mit einem
sprechen dem man kein Interesse schenkt, man nimmt zwar
wahr, daß gesprochen wird, versteht es aber nicht, weil man
dem Gegenüber keine Aufmerksamkeit widmet. So ähnlich hat
sich das angefühlt, der Schmerz war da, aber ich habe ihn
gar nicht so richtig wahrgenommen.
Ich nahm die Klinge dann in die linke Hand und machte auch
an meinem rechten Handgelenk ein paar Schnitte, welche sehr
klein, aber tief waren, ich hatte nicht mehr die Kraft die
Klinge durchzuziehen, ich konnte sie nur noch in das
Handgelenk drücken und 1 bis 2 Zentimeter zu mir hinziehen,
später sollte sich herausstellen, daß eine dieser kleinen
Wunden die lebensgefährlichste war, der Rest war also
praktisch umsonst.
Nachdem ich erneut stark blutete legte ich mich wieder hin
und ein paar Minuten später, als das rasche Tropfen wieder
zu einem schwachen Tröpfeln wurde, habe ich noch ein paar
Schnitte gemacht, die aber sehr kraft- und mutlos waren.
Mittlerweile war schon alles, das Bett und was darum herum
war, mit Blut bespritz, vollgetropft oder beschmiert.
Zwei der letzten Schnitte waren an der Innenseite meines
linken Ellenbogens, keine Ahnung, warum ich da geschnitten
habe, wahrscheinlich, weil ich verzweifelt war und unter
der Haut etwas blaues, Aderähnliches gesehen habe. Als ich
mich mit dem Arm aufstützte um mich wieder hinzulegen,
spritzte eine kleine rote Fontaine aus einem der
Ellenbogenschnitte, wie bei einem Springbrunnen, ganz dünn
und fein. Mir wurde alleine vom Zusehen schon etwas
schumrig.
Ich habe den Arm immer wieder angespannt und mir förmlich
das Blut rausgedrückt, weil ich dachte, wenn ich es nur
lange genug machen würde, dann würde es schon reichen. Aber
nach ein paar kleinen Spritzern kam nur noch ein Rinnsal.
Ich legte mich dann wieder aufs Bett und machte das Licht
aus, und kurz darauf wurde ich wohl ohnmächtig.
Knapp zwei Stunden später kam ich wieder zu mir, weil ich
Magenkrämpfe hatte und mich furchtbar elend fühlte. Die
Wunden habe ich zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr richtig
wahrgenommen, der Schmerz war zwar da, aber nur sehr dumpf.
Das getrocknete Blut hat so furchtbar gestunken, von dem
Geruch getrockneten Blutes wird mir heute noch schlecht.
Mir wurde dann plötzlich schrecklich kalt, jedenfalls habe
ich es von einem Moment zum anderen erst richtig
wahrgenommen. Ich bin daraufhin unter die Decke gekrochen,
was wörtlich zu nehmen ist, und habe die Knie angewinkelt,
weil ich so ein schlimmes pochen im Magen hatte und die
Krämpfe mir die Tränen in die Augen trieben.
Die Krämpfe wurden etwas schwächer und ich verlor wieder
das Bewusstsein.
Ich war nicht länger als eine halbe Stunde ohnmächtig, als
ich aus dem Schlaf gerissen wurde, weil ich mich übergeben
musste. Ich lag auf dem Bauch, woran ich mich noch genau
erinnere, weil ich nicht mehr die Zeit hatte den Kopf
wegzudrehen, so daß ich mich ins Kissen und in meine Wunden
erbrochen habe. Alles war voller stinkendem Blut und der
giftigen Kotze, ich hatte es im Mund, in der Nase, im
Gesicht und in den Haaren über der Stirn. Eigentlich wollte
ich aufstehen, aber ich hatte schon keine Kraft mehr, also
blieb ich einfach mit dem Gesicht im erbrochenen liegen.
Dann ging es erst richtig los.

In den nächsten drei Stunden wurde ich leider nicht mehr
ohnmächtig, ich hatte nur sehr schmerzhafte Magenkrämpfe,
die sich anfühlten, als hätte ich irgendetwas im Bauch, das
sich mit Klauen nach außen reißen wollte, ich musste mich
immer wieder übergeben, was mir, wie ich im Nachhinein von
einem Arzt erfahren habe, das Leben gerettet hat. Der Boden
war voller Blut und Erbrochenem, mein Kissen und eigentlich
auch alles andere von mir, was oberhalb meiner Brust war.
Ich habe die ganze Zeit gezittert, weil meine
Körpertemperatur durch den hohen Blutverlust abfiel, meine
Knie hatte ich schon praktisch bis zum Hals hochgezogen,
weil die Krämpfe immer schlimmer wurden und so wurde ich
dann gegen 6 Uhr gefunden.
Dann kamen die Rettungssanitäter, die mir einen Zugang
legten und sich erkundigten, was ich genommen hatte. Ich
konnte nicht viel sehen, weil ich die Augen kaum offen
halten konnte, ich habe die Sanitäter nur die ganze Zeit
gebeten, daß sie mir doch bitte etwas zum einschlafen
verabreichen sollten, aber den Gefallen konnten sie mir
natürlich nicht erweisen. Ich kam nur kurz richtig zu mir,
als einer der Sanitäter an mich herantrat und mich allen
Ernstes fragte, wo denn meine Versicherungskarte sei. Das
fand ich echt komisch, da musste ich auch ein wenig
grinsen, die Situation war so absurd, nach dem Motto:
„Entschuldigung, ich weiß, sie liegen im Sterben, aber ich
bräuchte mal schnell ihre Versicherungskarte, wegen der
Abrechnung, sie verstehen schon.“
In der Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses wurde ich
auf meiner Trage liegend, in ein kleines weißes Zimmer
gerollt, ich kann mich noch sehr gut an die Lampen
erinnern, augenfreundliche Neonröhren.
Ich weiß nicht mehr so genau, wie ich dahingekommen bin,
weil ich die Augen wie gesagt kaum offen halten konnte und
mich irgendwie schwerelos gefühlt habe, was wahrscheinlich
an dem Blutverlust und eventuell von den Sanitätern
verabreichten Schmerzmitteln lag.
Der Arzt, der mich aufnahm meinte zu einer Schwester, daß
ich schon der 2. heute mit einer *** Vergiftung sei, ich
hatte also nicht mal das Monopol, eine junge Pakistani
hatte scheinbar dieselbe Idee gehabt.
Als ich gerade ein wenig zu mir kam, trat der Arzt an mich
heran, noch nicht sehr alt, mit Schnurrbart und Brille und
hat mir irgendwas in bayrischem Dialekt entgegengefaselt,
woraufhin er einen Schlauch hervorholte und ihn mir in den
Mund schob. Der Schlauch war aus rötlich-tonfarbenem Gummi
und so dick wie ein Gartenschlauch. Jedenfalls wurde ich
explosionsartig wach, als der Schlauch in meine Speiseröhre
vorstieß und ich vor Schreck keine Luft mehr bekam. Ich
drückte den Arzt weg und zog mir würgend den Schlauch aus
dem Hals, ein scheußliches Gefühl. Der Arzt verpasste mir
daraufhin eine heftige Ohrfeige und schrie mich an, ob ich
denn mein Leben lang an der Dialyse hängen wolle und daß er
mir den Schlauch auch durch die Nase einführen könnte, wenn
ich mich weiterhin verweigern würde. Ich wollte gar nicht
wissen, wie man einen Schlauch von gut 2 Zentimeter
Durchmesser durch die Nase einführt, oder gar wie sich das
wohl anfühlen mochte, deshalb ließ ich den Arzt machen.
Als der Schlauch meine Kehle runterging, wiederholten Arzt
und Schwester immer wieder, daß ich schlucken solle, aber
ich konnte irgendwie nicht, so daß es sehr weh tat und mir
röchelnd und würgend die Tränen in die Augen liefen. Es
fühlt sich so ähnlich an, als würde man sich den Finger in
den Hals stecken und sich würgend daran verschlucken. Nein,
das trifft es nicht so richtig, es ist jedenfalls weit
entfernt von allem Angenehmen.
Als der Schlauch im Magen war, was mir vorkam, als hätte
ich eine lebende Schlange verschlugt, die sich windend
gegen meine Magenwand warf, setzte der Arzt einen Trichter
auf den Schlauch und mir wurden mehrere Liter Wasser in den
Bauch gegossen. Es sah merkwürdig aus, als mein Bauch immer
dicker wurde und sich aufblähte. Mit einem Mal sagte der
Arzt nur noch ich solle mich zur Seite übergeben, als er
den Schlauch nahm und mir damit im Hals herumstieß, bis ich
das Wasser wieder rauswürgte und mich übergab. Das ging ein
paar Minuten immer wieder so, am Ende habe ich mich der
Schwester sogar versehendlich auf die Sandalen übergeben,
was mir in dem Moment furchtbar peinlich war, aber sie
meinte nur, daß sie eben mal schnell die Socken wechseln
müßte. Als der Schlauch wieder rauskam reichte mir die
Schwester ein Glas „Aktivkohle“, das kann man sich so
vorstellen wie schwarzes, brackiges Wasser, der erste
Schluck war auch gleich so schnell wieder draußen, wie er
reinkam, aber unter mehrmaligem erbrechen und ständigem
würgen habe ich das Glas leer bekommen.

An dieser Stelle möchte ich aufhören, es geht zwar noch
weiter, aber ich wollte nur das Ereignis des
Selbstmordversuches wiedergeben, wie ich es erlebt habe,
mehr nicht.
Selbstmordphantasien mögen vielleicht theatralisch oder
romantisch sein, aber die Tat an sich ist es nicht, sie war
es zumindest nicht bei mir.
~~~
http://www.schnipselchen.de/txt.php?poem=8266
~~~
ps: ich danke dir für den link. gib auf dich acht.