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2003-12-18 11:39:46 (UTC)

Entwurf


ttGutachtenbr
--------------p
ttEine nasse Straße, ein großes, weißes Haus, mehrere
Etagen. Schmutzige, blinde Fenster, grauer Himmel.
Acht Uhr morgens.br
Ich stehe auf den Stufen zur Unendlichkeit. Das Taxi wendet
und läßt mich zurück. Ich stolpere die Treppe hoch und
trete ein, befinde mich in einem langen Flur mit
unpersönlicher Neonröhrenbeleuchtung, die Zünder summen und
klicken, eine der Röhren flackert. Ich werde von einer
müden Frau in Empfang genommen, jedenfalls ist ihr Tonfall
unfreundlich, fast abwehrend. Sie schiebt mehrere Zettel
über die Theke in meine Richtung. Ich soll sie ausfüllen.
Mir ist warm, der Raum ist überheizt, die Angestellten,
fast auschließlich Frauen, rühren in Kaffeetassen, sie
wirken unbeteiligt, mitleidlos, haben vermutlich jeden Tag
mit Menschen wie mir zu tun. Der einzige Mann lächelt zu
mir herüber, ob er der Arzt ist? Ich fühle mich beobachtet,
ich spüre, wie der Schweiß meinen Rücken herunterrinnt.br
Nein, ich werde mich nicht ausziehen, ich werde mich nicht
anfassen lassen, sollen sie es doch versuchen. Bitte,
versucht es, ich möchte mich einmal wehren können. Das
Klappern der Kaffeetassen, das Summen der Zünder und diese
überheizte Luft machen mich schläfrig, meine Finger
zittern, ich beantworte die Fragen auf den Zetteln. „Welche
Beschwerden...?“br
Ich spüre meine Beine nicht und in meinem Kopf dröhnt es.
Wurde ich schon aufgerufen? Wo ist die Toilette?
Eine Angestellte lächelt mir aufmunternd zu, ich lächele
zurück und hoffe, das es echt wirkt. Dann wird eine Tür
geöffnet, ein Mann mit kurzen Haaren sagt meinen Namen und
will, das ich mit ihm in das Zimmer gehe.
Die Fenster sind geschlossen, die Jalousien
heruntergelassen, die Tür schlägt hinter mir ins
Schloss.br
Wir sind allein, ich mit ihm, er mit mir, wir mit.... Es
gibt kein „uns“. Es gibt mich und ihn und das dicke Holz
der Tür, die verschlossenen Fenster und das Neonlicht. Ich
versuche, nicht allzu verkniffen auf dem Stuhl zu sitzen,
darauf vorbereitet, ihm mein „Nein!“ entgegenzuschleudern
wenn er gleich sagt, ich solle mich frei machen. Er sagt es
nicht, er kritzelt auf einem Zettel herum während er die
Fragebögen durchsieht. Meine Finger krampfen sich um die
Armstützen, später werde ich mich erwischen, wie ich kleine
Hautfetzen von den Finger abreiße, es wird nicht wehtun. Es
hat niemals weh getan, ich war immer schon weit weg
wenn.... Ich erinnere mich nicht.br
Der Mann mit den kurzen Haaren redet mit mir, notiert
Zahlen, Daten, will Erläuterungen hören. Er wirkt
unbeteiligt, kritzelt während des ganzen Gespräches auf
einem Schmierzettel herum, ich frage mich, ob er Kinder
hat, verheiratet ist. Ich versuche ein gutes
Begutachtungsobjekt zu sein, ruhig und kooperativ,
versuche, das Stottern zu unterdrücken und laut genug zu
sprechen.br
Jeder macht hier seinen Job. Es ist nichts persönliches.
Vermessen, wiegen, das Leben in sauber unterschiedene
Abschnitte unterteilen. Ein Leben auf der Fläche von drei
Blättern DIN A4, Recyclingpapier. Schreiben Sie bitte
leserlich./tt
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