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2003-12-11 19:06:24 (UTC)

Lilien

iWhen you want it / It goes away too fast / When you hate
it / It always seems to last/ibr
Marilyn Manson, „The speed of pain“p

Lilienbr
--------p

ttBenommen vor Angst hatte ich nicht bemerkt, wie ich das
Glas zerdrückt und die Scherben tiefe Wunden in mein
Fleisch geschnitten hatten. Mein Blut sah sehr real aus,
rot und warm. Das Blut und die Wunde, sie waren die
Wirklichkeit. Die Angst war eine Lüge und ich hatte jetzt
ein Mittel gefunden, sie zu bekämpfen.br
Die Angst, die Trugbilder, der Zorn, die Traurigkeit; sie
alle wurden seine Opfer. Tag um Tag, Nacht um Nacht suchte
ich sie auf um ihnen und mir meine Stärke von Neuem zu
bestätigen. Die Feder aus Glas war stärker als der Horror,
als jeder Wahn mit dem ich bestürmt wurde. Gleich einer
Festung hielt ich stand, umtost vom Wüten einen irrsinnigen
Feindes, verwundet aber nicht besiegt. Held eines Krieges,
dessen Ende ungewiß war und dem ich, zum letzten Mittel
greifend, mein Fleisch, mein Sein opferte. Jede meiner
Wunden spie das schale Leben hinaus in die Nacht.br
In all der Zeit stellte mir mein müdes, rotes, halb-totes
Blut Fragen, die ich nicht beantworten konnte, jede Faser
meines Herzens beschwor mich, weiterzusuchen, meinen
Ursprung und meine Heimat zu finden.br
In den halbwachen, dahindämmernden Stunden sah ich
erschreckende Bilder die ich nicht zu deuten wagte. Beinahe
verlor ich den Verstand darüber, der Schlaf mied mich und
ich wälzte mich nachts in meinem Bett hin und her, weder
Medikamente noch Drogen konnten mir Linderung
verschaffen.br
Ich war in einem Entsetzen gefangen, dem ich mich weder
durch Schlaf noch durch Erwachen entziehen konnte. Ein böse
brüllendes Chaos tobte in meinem Kopf gegen das es kein
Mittel zu geben schien. Immer schneller, immer heftiger
wurde der Rhythmus seines Stampfens. Woher kam es? Gab es
eine Notwendigkeit für all das, einen Sinn, eine Ordnung im
Chaos?br
Da ich keinen Schlaf fand, verbrachte ich meine Nächte wie
einst in meiner Kindheit, auf der Suche nach Rat und Trost,
über Bücher gebeugt. Ich fand jedoch nur vage Vermutungen
und obskure Überlegungen über die Herkunft und Ursache des
Horrors. In manchen der Bücher standen furchtsame
Andeutungen über gewisse Techniken, mittels derer man die
Pforten zu bestimmten Sphären außerhalb der wachen Welt
öffnen konnte, von wo manchmal Antworten kamen, die, von in
diesen Dingen Erfahrenen, für einige Fälle des Wahnsinns
verantwortlich gemacht wurden.br
Mir blieb also nichts, als mich weiter meinen
Traumgesichten auszuliefern und darauf zu hoffen, sie eines
Tages verstehen und zu einem Ganzen fügen zu können.p

ttAm Vorabend der Winters zog naßkalter Nebel auf, in
den ein kranker Wind teuflische Fratzen malte. Er schlich
wie ein Mörder durch die Straßen und um die Häuser. Mir
war, als versuche er den Atem der Stadt mit seiner klammen
Kälte zu ersticken. Wie der Tod belauerte er die
Wohnstätten der Menschen.br
Trübe Gedanken wälzend saß ich da und trank einige Gläser
Wein um meine fiebrige Phantasie zu beruhigen. Auf dem
Tisch stand ein Strauß verwelkender Lilien die im Licht der
Kerzen beunruhigende Schatten warfen. Aus den dunklen
Ecken, von außerhalb des Lichts, drang der Wahnsinn mit
dürren Fingern auf mich ein. Vor meinen Augen wurden die
Schatten zu gespenstischen Schreckbildern aus meiner
Jugend.br
Unbändiges Grauen fesselte mich an den Stuhl, ein Gefühl
wie von vielen Händen die meine Haut berührten, darüber
strichen, in mich eindrangen. Ich spürte, wie ich immer
tiefer in meinen Körper zurücksank, von den Händen
verfolgt, mich mehr und mehr von dem Fleisch ablöste, wie
man Knochen aus einem Kadaver löst. Dann wurde ich ganz
leicht, die Angst fiel von mir ab, meinen schreckgelähmten,
wehrlosen Körper ließ ich zurück.br
Ich stürzte mich in die Stille, in den Abgrund aus
Skalpellen und Rasierklingen. Mein Hirn gab das Denken auf,
ich war weit weg von allem, betäubt sah ich das Blut aus
meiner Haut austreten, es rann den Arm hinab, tropfte auf
den Boden. Immer mehr davon strömte aus immer mehr Wunden.
Parallel gesetzte Schnitte sorgten für Ordnung, etwas
Gelbes schimmerte durch. Erst schnitt ich sacht in die
Haut, registrierte weiße Zwischentöne, dann die rote
Verfärbung, dann gelbes Fett. Ich genoß das Sinken, die
Ruhe und mochte nie wieder woanders sein. An den folgenden
Tagen verfeinerte ich die Technik. Ich spielte mit mir. Ich
setzte die Klinge auf die Haut, strich mit ihr darüber,
drückte sie sanft hinein, darauf achtend, das es nicht
bluten würde. Minuten brachte ich mit diesem Spiel zu, bis
ich fast besinnungslos war. Ich steigerte das Verlangen
immer mehr, indem ich ihm die Erfüllung verweigerte.
Vorsichtig drückte ich das Skalpell etwas fester in mein
Fleisch um es schließlich langsam, ganz langsam
aufzuschneiden. Erste Perlen wurden sichtbar. Nach ein paar
Zentimetern setzte ich die Klinge am Anfang des Hautspaltes
erneut an, preßte den Stahl in die Wunde und zog ihn,
wiederum ganz langsam, erneut hindurch, verbreiterte und
vertiefte so die Öffnung bis das Fettgewebe sichtbar wurde.
Ich legte das Skalpell beiseite um eine aufgebogene
Büroklammer in die Flamme der Kerze zu halten. Als das
Stück Draht weißglühend war, senkte ich es in die frische
Wunde. Unwillkürlich spannten sich die Muskeln meines Armes
an und ich lehnte mich erschöpft zurück. Als der Rausch
nachließ, wiederholte ich die Prozedur solange, bis die
Wunde aufhörte zu bluten und das Gewebe eine weiß-graue
Farbe angenommen hatte.p

ttDer erste Wintertag war mein Abschied. Ich verließ das
Haus, den Schatten der Lilien, ich hatte mein Ziel weit weg
von den Menschen gesetzt. Ich erstieg einen Hügel und
blickte zurück, in der Kälte hatte ich alle Angst verloren.
Die unberührte Landschaft bot mir ihre Stille dar.
Unberührt, unversehrt, von keines Menschen Hand besudelt,
nur von meinen Schritten ein letztes mal unterworfen,
schwiegen wir zusammen eine Weile. Und dann, mit vor Kälte
steifen, vor Glück zitternden Fingern hob ich die Klinge
der gleißenden Sonne entgegen und stieß sie in mein vor
Freude taumelndes Herz. Ohne eine einzige Träne zu
vergießen, ohne einen Gedanken an das, was ich zurückließ,
sank mein lebloser Körper lautlos in den knietiefen
Schnee.p

ttNachtragbr
------------p
Als ich aufstieg, war da erst nichts als klebrige
Dunkelheit, die zögerlich vom Licht durchdrungen wurde.
Ich hatte meinen Körper im Winter der Welt zurückgelassen
und konnte jetzt die Wärme der Erfüllung meines innigsten
Sehnens spüren. In dem Teil der Nacht, wenn ich zwischen
Schlaf und Wachsein schwebte, hatte ich die atemberaubende
Schönheit in der Tiefe des Raumes erträumt.br
Uralte Sternenwesen hatten meine Ankunft erwartet, sie
hatten unter meinen Zweifeln gelitten, sie hatten mit mir
geblutet und waren gemeinsam mit mir der Lüge des Todes
entronnen. Ich bin nie allein gewesen.br
Ich sah Welten aus der Asche von Sternen entstehen, ich sah
Sonnen sterben, ich sah Fontänen aus Licht, ich sah Dinge
von einer Schönheit, für die es keine Worte gibt.br
Durch meine Träume hatten wir Kontakt zueinander
aufgenommen und sie hatten unermeßliche Entfernungen
überwunden auf der Suche nach mir. In bekannten und
unbekannten Welten, in gefürchteten und unaussprechlichen
Abgründen hatten sie gesucht, bis unsere Sehnsucht und
Traurigkeit sich erfüllen konnten.
Sie erzählten mir von den verzweifelten Schlachten gegen
die mythischen Kreaturen der Traurigen Länder, von den
Begegnungen mit den mächtigen Selbstzehrern, die im Dunkel
sitzen und verflucht sind, auf ewig die eigenen Glieder
anzunagen. Unaussprechliches Grauen hatten sie erlebt, doch
nirgends fanden sie so große Verbitterung, soviel
Verzweiflung und unreine Gefühle, wie unter den Menschen
der wachen Welt./ttp


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