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2003-12-09 09:56:39 (UTC)

tag 9 | entwurf

arbeitslos, tag 9.
mein rentenversicherungsträger hat mich heute wieder
vertröstet. der antrag auf arbeitsreha ist also noch nicht
bearbeitet worden. ich habe ihn im september gestellt.
gestern hatte ich kontakt zu zwei herren aus hamburg, die
zu besuch in der stadt sind und eine kneipe suchten „in der
was los ist“.
das aufstehen fällt mir zunehmend schwer. zwar stelle ich
mir den wecker auf acht uhr, schaffe es aber nicht vor neun
oder zehn, aus dem bett zu kommen. wozu auch?
heute abend bin ich mit meiner gefährtin zu einem
kinobesuch verabredet, zu „Matrix – Revolutions“. hier hat
ein kino mit sehr niedrigen eintrittspreisen eröffnet. die
filme kosten in etwa so viel wie eine videoausleihe. auf
dem spielplan stehen „Nicht auflegen“, „Terminator III“....
was der frustrierte mensch so braucht. brot und spiele.
der freund der schwester meiner gefährtin wird an den
weihnachtsfeiertagen hier sein und nimmt deutschunterricht.
die schwester hat mich eindringlich gebeten, auch
hinzukommen. bislang vermied ich das weil mit dieses
familientreffen schon von der schilderung her zu emotional
war. vielleicht gehe ich diesen jahr hin, mal sehen. oder
ich schütte ich mir eine flasche vodka in den kopf. alles
quatsch, alles ohne sinn.

entwurf:
~~~
Der Schatten von Lilien
-------------------------------

Als ich aufstieg, war da nichts als klebrige Dunkelheit,
die zunächst nur zögerlich vom Licht durchdrungen wurde und
obwohl ich meinen Körper im Winter der Welt zurückgelassen
hatte, konnte ich die beruhigende, mütterliche Wärme
äonenalter Sterne spüren. In dem Teil der Nacht, wenn man
zwischen Schlaf und Wachsein schwebt, hatte ich die
atemberaubende Schönheit in der Tiefe des Raumes erträumt,
aber tatsächlich waren meine Träume nur ein schwaches Echo
der Wunder die ich jetzt sah. Uralte Sternenwesen hatten
meine Ankunft erwartet, sie hatten unter meinen Zweifeln
gelitten, sie hatten mit mir geblutet und waren gemeinsam
mit mir der Lüge des Todes entronnen.
Sie waren uralt, körperlos, grenzenlos, sie waren die Weite
des Raumes, die Unendlichkeit der Zeit und doch waren sie
mir immer nahe gewesen. Sie waren heller als Licht und
dunkler als die tiefste Nacht. Sie waren die Wesen aus
Räumen, älter als die Zeit selbst. Ich sah Welten aus der
Asche von Sternen entstehen, ich sah Sonnen sterben, ich
sah Fontänen aus Licht, ich sah Dinge von einer Schönheit,
für die es keine Worte gibt.
Mich verband ein tiefes Verstehen mit diesen Wesen. Mein
Bewußtsein, meine Existenz schien mit ihrem Bewußtsein,
ihrer Existenz verbunden zu sein. Ich hörte keinen Laut,
kein Wort, nicht mal ein Flüstern und trotzdem spürte ich,
was diese Wesen dachten, was sie mir sagen wollten.
Sie empfanden mich als einen verlorengewesenen Teil ihrer
Selbst. Sie hatten mich vermißt, wie ich sie vermißt und
immer dunkel erahnt hatte. Wir waren eins gewesen gewesen,
schon seit der Zeit vor der Zeit.
Durch Träume hatten wir Kontakt zueinander aufgenommen und
sie hatten unermeßliche Entfernungen überwunden auf der
Suche nach mir. In bekannten und unbekannten Welten, in
gefürchteten und unaussprechlichen Abgründen hatten sie
gesucht, bis unsere Sehnsucht und Traurigkeit sich erfüllen
konnte.
Sie erzählten mir von den Schlachten gegen die mythischen
Kreaturen der Traurigen Länder, von den Begegnungen mit den
nächtigen Selbstzehrern, die im Dunkel sitzen und verflucht
sind, auf ewig die eigenen Glieder anzunagen.
Unaussprechliches Grauen hatten sie erlebt, doch nirgends
fanden sie so große Verbitterung, soviel Verzweiflung und
unreine Gefühle, wie unter den Menschen der wachen Welt.

Mein müdes, rotes, halb-totes Blut stellte Fragen die ich
nicht beantworten konnte, jede Faser meines Herzens
beschwor mich, weiterzusuchen, meinen Ursprung und meine
Heimat zu finden.
In den halbwachen, dahindämmernden Stunden sah ich
erschreckende Bilder die ich nicht zu deuten wagte. Beinahe
verlor ich den Verstand darüber, der Schlaf mied mich und
ich wälzte mich nachts in meinem Bett hin und her, weder
durch Medikamente noch durch Drogen konnte ich mir
Linderung verschaffen Ich war in einem Entsetzen gefangen,
dem ich mich weder durch Schlaf noch durch Erwachen
entziehen konnte. Ein böse brüllendes Chaos tobte in meinem
Kopf gegen das es kein Mittel zu geben schien. Immer
schneller, immer heftiger wurde der Rhythmus seines
Stampfens. Woher kam es? Gab es eine Notwendigkeit für all
das, einen Sinn, eine Ordnung im Chaos?
Da ich keinen Schlaf fand, verbrachte ich meine Nächte über
Büchern, auf der Suche nach Rat und Trost, wie einst in
meiner Kindheit.
Ich fand jedoch nur vage Vermutungen und obskure
Überlegungen über die Herkunft und Ursache meiner
Traumgesichte. In manchen der Bücher standen furchtsame
Andeutungen über gewisse Techniken, mittels derer man die
Pforten zu bestimmten Sphären außerhalb der wachen Welt
öffnen konnte, von wo manchmal ein Wesen Antworten gab, das
von in diesen Dingen Erfahrenen, für einige Fälle von
Wahnsinn verantwortlich gemacht wurde.
Mir blieb also nichts, als mich weiter meinen
Traumgesichten auszuliefern und darauf zu hoffen, sie eines
Tages verstehen und zu einem Ganzen fügen zu können.

Am Vorabend des Winters zog naßkalter Nebel auf, in den
ein krankmachender Wind teuflische Fratzen malte. Er
schlich wie ein Mörder durch die Straßen und um die Häuser.
Mir war, als versuche er den Atem der Stadt mit seiner
klammen Kälte zu ersticken. Wie der Tod belauerte er die
Wohnstätten der Menschen. Trübe Gedanken wälzend saß ich am
Ofen und trank einige Gläser Wein um meine fiebrige
Phantasie zu beruhigen. Auf dem Tisch stand ein Strauß
verwelkender Lilien die im Licht der Kerzen unruhige
Schatten an die Wände des Zimmers warfen. Aus den dunklen
Ecken, von außerhalb des Lichts, drang der Wahnsinn mit
dürren Fingern auf mich ein.
Meinen schreckgelähmten, wehrlosen Körper ließ ich zurück
und trat aus ihm heraus, damit ich das Grauen nicht spüren
mußte. Vergeblich. Vor meinen Augen wurden die Schatten zu
gespenstischen Schreckbildern aus meiner Jugend.
Benommen vor Angst hatte ich nicht bemerkt, wie ich das
Glas zerdrückt und die Scherben tiefe Wunden in mein
Fleisch geschnitten hatten. Mein Blut sah sehr real aus,
rot und warm Das Blut und die Wunde, sie waren die
Wirklichkeit. Die Angst war eine Lüge und ich hatte jetzt
ein Mittel gefunden, sie zu bekämpfen.
Die Angst, die Trugbilder, der Zorn, die Traurigkeit; sie
alle fielen meinem Blut zum Opfer. Tag um Tag, Nacht um
Nacht suchte ich meine Gegner auf um ihnen und mir meine
Stärke vor Augen zu führen. Die Feder aus Glas war stärker
als der Horror, als jeder Wahn mit dem sie mich bestürmten.
Jede meiner Wunden spie das schale Leben hinaus in die
Nacht. Gleich einer Festung hielt ich stand, umtost vom
Wüten einen irrsinnigen Feindes, verwundet aber nicht
besiegt. Held eines Krieges, dessen Ende ungewiß war und
dem ich, zum letzten Mittel greifend, mein Fleisch, mein
Sein opferte.

Der erste Wintertag war mein Abschied. Ich verließ mein
Haus, den Schatten der Lilien, ich hatte mein Ziel weit weg
von den Menschen gesetzt. Ich erstieg einen Hügel und
blickte zurück, in der Kälte hatte ich alle Angst verloren.
Die unberührte Landschaft bot mir ihre Stille dar.
Unberührt, unversehrt, von keines Menschen Hand besudelt,
nur von meinem Schritt zum letzten mal unterworfen,
schwiegen wir zusammen eine Weile. Und dann, mit vor Kälte
steifen, vor Glück zitternden Fingern hob ich die Klinge
der gleißenden Sonne entgegen und stieß sie, der Tiefe der
Stille folgend, in mein vor Freude laut schlagendes Herz.
Ohne eine Träne zu vergießen, ohne einen Gedanken an das,
was ich zurückließ, sank mein lebloser Körper lautlos in
den knietiefen Schnee.


* Ende *
*
***


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