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2003-02-21 09:49:27 (UTC)

klinikaufzeichnungen, erster teil

Kliniktagebuch, Erster Teil.

07.01., 18:30h
Die Fahrt mit dem Zug war eine kleine Odyssee. Die Fahrt
mit dem Bus in die Klinik war genauso wie beim letzten Mal,
die Klinik selbst scheint weitgehend unverändert.
Ich kenne die Schwestern, den Th, das Personal in der
Cafeteria.
Allerdings ist die Jahreszeit eine andere – Winter diesmal.
Mit Schnee, der knirscht wenn man auf ihm geht, mit
Eiszapfen die so kalt und klar aussehen, als würden sie
nach Eisen schmecken wenn man die Zunge an sie legte. Und
natürlich ist „die Gruppe“ eine andere.
Fast jeder wird von Ängsten gepeinigt.

Zwar weiß ich nicht, ob es nun noch nötig ist, die Therapie
stationär durchzuführen, d.h., eigentlich bin ich mir
sicher, daß eine ambulante Behandlung auch ausgereicht
hätte, aber nun bin ich hier und genieße die Ruhe, die
Wälder, die relative Weite der Gegend. Sozusagen eine
ambulante Therapie mit anderen Mitteln, die nicht schadet
und möglicherweise nützlich ist.

21:10 h
“Die Gruppe“ und ich saßen in der Cafeteria. Ich blieb
sitzen obwohl es mich sehr anstrengte. Zuviele Menschen,
zuviele Stimmen, zuviel Geschwätz. Ich bemerkte, wie ein
altes Muster griff : ich wollte Dinge sagen die sehr brutal
und sehr blutig sind. Ich hielt den Mund. Ich fühlte mich
bedrängt und spürte, wie depressiver Schatten sich auf mich
legte. Ich würde das gern wegschneiden und diese
unangenehmen Empfindungen beenden.
Was geschieht hier also?
Bedrängnis - Versuch der Gegenwehr erfolglos - Rückuzug -
Schneiden?
Als ich sitzen blieb, änderte sich meine Stimmung als zwei
aus “der Gruppe” gingen. Ich wurde lockerer. Vermutlich
fühle ich mich gerade allein(gelassen). Auch eine
unangenehme Empfindung die ich wegzuschneiden in der Lage
wäre. Mein Verhaltensrepertoire schneint in der Hauptache
aus Rückzug zu bestehen. Ich wehre mich zu selten.

Am Donnerstag und am Freitag finden die ersten beiden
Therapien ( natürlich in “der Gruppe”) statt. Mir ist ganz
mulmig beim Gedanken daran. Vielleicht legt sich das. Ich
habe den Eindruck, diesmal besser, tiefgehender oder
überhaupt an mir arbeiten zu können. Mir widerstrebt es,
dieses Vokabular zu benutzen : mich öffnen zu können.
(Und natürlich hängt der Ganzkörperspiegel direkt gegenüber
dem Kopfende des Bettes *würg*)

08.01., 6:10 h
Draußen sind es 16°C unter Null, beim Rauchen hatte ich das
Gefühl, mir würden die Finger absterben. Eiseskälte.
Beziehungweise : Endlich mal ein richtiger Winter!.
Vielleicht gehe ich heute ins Dorf um ein paar
Kleinigkeiten einzukaufen.
Der Th. machte gestern einen ziemlich geradlinigen
Eindruck. Ich denke (befürchte?) er wird seinen Finger in
meine Wunden legen, was mich einerseits zwar ängstigt,
andererseits aber notwendig ist, denn ich würde mich von
selbst nicht aufraffen können.
Überall ist Angst.

10:53 h, Cradle of Filth
Die erste Gestaltungstherapie ist vorüber. Therapeut ist
Sch. Wie es scheint, werde ich während dieses Aufenthaltes
ganz und gar nicht zu Tode gestreichelt.
Cradle plättet alles. Tötet das Empfinden von Angst,
Peinlichkeit und auch Freude darüber, daß ich die GT für
mich nutzen konnte.
Schwarz-Weiß-Denken kann der Versuch sein, Ordnung in das
Chaos zu bringen.

09.01., 17:45 h , Christian Death
Das “soziale Atom”, welches ich beim letzen mal nicht unter
den Augen “der Gruppe” anfertigen, geschweige denn erklären
konnte, verlief beinahe ohne Probleme.
Mir scheint daß, wenn ich mal einen Anfang gefunden und
meinen Befürchtungen nicht nachgegeben habe, alle weiteren
furchtbehafteten Therapien mir leichter von der Hand gehen.
Es mag allerdings auch an der Größe “der Gruppe” liegen,
sie ist klein und besteht aus fünf Personen.
Den Spiegel, der gegenüber dem Bett angebracht ist, habe in
nicht zugehängt; ich vermeide es, hineinzusehen.
Mein Th. (W.) hat mir beim
Aufnahmegespräch “Körperwahrnumg” vorgeschlagen –
abgelehnt, “Bewegungstherapie” (partnerübungen mit
anfassen?) – abgelehnt, “Entspannungsbäder” (ich? nackt ?) –
abgelehnt.
Weil man aber irgendetwas tun muß, nahm ich Terrainwandern,
Rückenmassagen und Sandsackboxen, Autogenes Training und
Wirbelsäulengymnastik.

10.01., 12:45 h, Danzig
Im Psychodrama habe ich heute die Stühle stellen “dürfen”.
Sogar meinen Vater habe ich augestellt und mir wurde
bewußt, wie sehr der Drecksack leidet. Allerdings glaube
ich mir das nicht. Er leidet nur vermutlich, eine
Überprüfung in der Realität wird nicht stattfinden.
Danach war ich einigermaßen aufgewühlt und spürte das
dringende Bedürfnis, meine Fäuste gegen die Rauhputzwände
zu schlagen, zu rennen, Cradle zu hören; alles platt zu
machen.
Jedoch hatte ich einen Termin zur Massage, ich duschte
anschließend, zog andere Klamotten und höhere Stiefel an,
und fühlte mich danach etwas besser.
Insgesamt muß ich feststellen, daß die Befürchtungen denen
ich während der ersten Aufenthaltes unterlag, sich immer
mehr als unbegründet erweisen. Vielleicht liegt das am Th.
der sich von Widerständen unbeeindruckt zeigt und versucht,
sie mit sanftem Druck zu durchbrechen. Ich bin geneigt zu
sagen, das sich das gut anfühlt, fast wie ein aufatmen
Wir waren im Dorf Billard spielen.
Ich habe dem Th. versprochen, mich auch diesmal wieder des
Alkohols zu enthalten. Das war gut so, denn heute hätte ich
mir den Kopf dicht gesoffen. Depression hits und ich möchte
schneiden.
Daß ich die Therapien so gut durch stehe, heißt beileibe
nicht, daß sie ohne Anstrengung und schwerer Erschöpfung
hinterher, zu bewältigen sind. Vielleicht geht aber auch
alles einfach viel zu glatt. Ich habe ohnehin den Eindruck,
daß Th. mächtig Tempo macht. Ich spüre Angst, ich habe
Angst. Alles ist Angst.

Nachdem ich zum Anfang des Tagesbuches geblättert und
einige alte Aufzeichnungen gelesen habe, wünschte ich, mich
töten zu können. Es ist noch immer dasselbe Sehnen nach
Ruhe, Stille, Friedlichkeit, ... das schweben zwischen den
Sternen. Der Raum zwischen den Sternen ist frei von Lärm,
von Schreien, falschem Lachen und Schlägen und frei von
Mänern mit grauen Haaren.
Das Nichts ist frei von allem und voller erfüllter Wünsche.

Natürlich ist es ausgesprochen dumm, zu versuchen sich in
einer Psyklinik zu befreien. Die Zeit arbeitet für mich,
die Zeit ist ein freundliches Wesen. Sie vergeht und
vergeht ohne jemals zu enden. Und weil sie vergeht, kann
ich auf mein Ende hoffen. Der Tod ist voller erfüllter
Wünsche.


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