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2002-07-18 15:48:46 (UTC)

über mein svv

Heute morgen, als ich mich gegen
5:00 h aus der Bettdecke pellte und meine schlafende
Gefährtin beneidete, stellte ich mir vor, wie entspannend
es sein würde, wenn ich mir heute Abend die Klinge durch’s
Fleisch ziehen würde.Solche Phantasien habe ich oft und
wenn sie sich lange genug aufgestaut haben, greife ich in’s
Regal, nehme eine von den Rasierklingen und lege sie neben
mich auf den Schreibtisch. Ich warte, das es vorbeigeht.
Wenn es aber bleibt, beginne ich mit kleinen, flachen
Schnitten, spiele mit dem Drang, den Arm bis auf den Muskel
einzuschneiden und genieße jeden Millimeter der unter die
Haut geht. Ich schneide langsam und mit bedacht, den
Brandnarben ausweichend, über alte Narben hinweg obwohl ich
das nicht mag, aber ich bin manchmal zu faul, in dem Gewirr
von Wundmalen noch freie Stellen zu suchen.Es gibt
Regeln dafür : 1. Überlege, warum du schneiden willst,
was der Grund ist und versuche, Alternativen zu finden.
2. Schneide nicht, wenn es zu warm ist denn eine Nacht in
sommerlicher Hitze im T-Shirt zu verbringen um die
Bettwäsche nicht zu versauen, ist sehr unangenehm. 3.
Schneide niemals, wenn du betrunken bist, denn du würdest
dich, wieder nüchtern, dafür schämen, dich so gehen
gelassen zu haben. 4. Schiebe es solange wie möglich
auf. Und genieße es wenn du schon schneidest, laß es ein
Fest sein. 5. Schneide nicht, wenn du nicht dazu stehen
kannst.Allzuleicht geschieht es, das ich in eine Art
Rausch hinein gerate. Kein Schnitt ist dann tief genug,
lang genug oder nah genug an den Stellen, an denen das
Leben pulsiert. Ich rätsele seit langem, wieso es mich
immer drängt, die Innenseiten der Handgelenke
aufzuschneiden. ich gebe dem nicht nach denn ich möchte
nicht als suizidal und dumm gelten. Bliebe es
folgenlos, würde man mich hinterher also nicht als suizidal
und dumm ansehen, würde ich mich dort verletzen. Aus purer
Neugier und um diesen Wunsch endlich aus meinem Denken
verbannen zu können. Der Wunsch, dieses quengelnde Kind –
damit es Ruhe gibt.Ich bin dem SVV nicht ausgeliefert.
Nicht mehr. Es ist nicht mehr wie am Anfang. SVV ist in
meinen Augen und für meine Person nichts krankes, es ist
lediglich ein Mittel das einen Zweck erfüllt, etwas das mir
zur Verfügung steht, das ich (mittlerweile) benutzen kann.
Ich stehe ihm nicht ohnmächtig gegenüber. Es hat nichts
dramatisches, nichts theatralisches. Es kann durchaus
kommunikativen Zwecken dienen. Es ist ein Teil von mir, wie
meine Brille. Und ich mag es manchmal, ich mag die
Narben.In der Beziehung zu meiner Gefährtin sind die
Verletzungen, vor allem wenn es sich um Verbrennungen
handelt, nicht unproblematisch. Sie entwickelt
Schuldgefühle weil sie glaubt, unaufmerksam gewesen zu sein
und nicht bemerkt zu haben, wie es mir geht. Und sie nimmt
mir übel, ihr nicht gesagt zu haben, wie es mir geht.
Dabei kann sie nicht bemerken wie es mir geht weil ich es
nicht immer zeige oder weil mir schlicht die Worte fehlen,
meinen Gemütszustand zu beschreiben oder ich ihn nicht
beschreiben will, ich will schneiden. Jedenfalls liegt es
an mir, meinen Mund aufzumachen.Eine weitere
Möglichkeit des konstruktiven Streitgespräches ergibt sich,
weil ich an meinem SVV nichts dramatisches sehen kann,
meine Gefährtin kann und tut das sehr wohl. Vielleicht
entspringen ihre Schuldgefühle, die ich nicht
nachvollziehen kann und die mir, ob meines Unverständnisses
für die Situation meiner Gefährtin eine schlechtes Gewissen
machen, dieser Quelle. Dann wünschte ich, ich könnte mein
schlechtes Gewissen „wegschneiden“. Das ist natürlich
kindisch und ich unterlasse es.Das Wissen um das
Konfliktpotential einer neuen blutenden Wunde hält mich oft
davon ab, mir eine solche zu setzen. ich hoffe, daß meine
Gefährtin das weiß, denn auch das ist eine Sache, die ich
ihr nur schwerlich sagen kann.